| Reisetagebuch |
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Mich mit meinem weissen Bart unter so jungen Gesichtern zu sehen, war zuerst ein kleiner Schock. Ist es nicht ziemlich schräg, in diesem Alter ….. Da half mir ein kleiner gedanklicher Trick: Als frisch Pensionierter gehöre ich tatsächlich zu den Jungen in dieser „Sparte“ und gehe demzufolge ruhigen Gewissens mit der Stiftung Jugendaustausch auf Reise.
Wozu eigentlich:
Einige Jahre lerne ich bereits eher wenig intensiv Russisch, vor allem in der Migros-Klubschule. Ausserdem bin ich vor gut drei Jahren in eine Gruppe geraten, in der Kultur und Sprache Russlands jährlich mindestens ein Mal auf der Bühne gezeigt werden und spielte auch schon mit.
Nun will ich ausprobieren, ob es möglich ist, so in diese Sprache hinein zu kommen, dass beispielsweise eine Reise auch ausserhalb der grossen Zentren möglich wird. Und genau dies testen wir dann, eine Gruppe von 5 Personen, Anfangs Juli 2010. Die neu gewonnene zeitliche Unabhängigkeit macht dies möglich.
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Die Steuererklärung ist erledigt, die Bäume geschnitten, ihre Äste zersägt, die Kartoffeln in der Erde, ein paar Mails geschrieben, und der gebrochene Arm meiner Frau soweit geheilt, dass sie nicht mehr dringend auf meine Hilfe angewiesen ist. Die nachfolgende Juli-Reise ist gebucht, ein neuer Koffer und der elektrische Reiseadapter gekauft und den Rest der Vorbereitungen werde ich bis Freitag hinkriegen. Es bleibt das leise Kribbeln im Bauch, das sich wahrscheinlich erst in Ulan-Ude völlig auflöst. Und nebst einigen anderen wichtigen Personen und Sachen bleibt der Pilatus hier. Auch er wird mir fehlen. Aber ich bin bereit: Auf nach Sibirien!
PS: Danke Anne-Marie für die Ermutigung |
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Letzten Sonntag Ankunft in Ulan-Ude, abgeholt von Anatolij und direkt zu meiner Schlummermutter Lidija gefahren, die gleich einen Tee braute und Osterbrot dazu gab. Später ging sie mit mir spazieren, ein erstes Mal die Stadt besichtigen. Im holperigen Gespräch gelangten wir über verschiedene angeschaute Gebäude (sehr schön ein Theater) irgendwie auf Dazan (дацан), den buddhistischen Tempel oben auf einem Berg zu sprechen und ob ich ihn sehen wolle. Und schon warteten wir auf einen Bus Nr. 97, der uns hinbrachte: Einsteigen, 12 Rubel (ca. Fr. -.50) nach vorne geben und sitzen bleiben bis ganz oben.
Dort eine phantastische Aussicht über den grossen Talkessel, in dem die Stadt liegt mit ihren gefrorenen Flussarmen sowie auf den umliegenden riesigen Kranz von Bergen, alle noch weiss gepudert. Wirklich sehr eindrucksvoll! Aber kalt ist es auf dem Rundgang ums Heiligtum, vor allem wegen des Windes. Drinnen dann ein heller und von Sonnenlicht durchfluteter, grosser Raum mit einem ca. 6 Meter hohen Buddha und vielen kleinen Statuen, angenehme Stimmung.
Schon der erste Tag brachte bereits einen eindrücklichen Höhepunkt. Und der Kopf „surrte“ bereits von Russisch, Englisch und all den sprachlichen Stolpersteinen. Heute nun die ersten Lektionen mit Vladimir. Sehr angenehm und lebendig. Und am Nachmittag sogar etwas Frühlingssonne nach einigen seehr kalten Tagen. Es fängt wirklich gut an!
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| Heute keine Russisch-Lektion, deshalb Zeit für sieben gestern „geschossene“ Bilder; einfach ein paar spezielle Eindrücke: Zugefrorner Fluss und Berge, nicht ganz in Pilatus-Nähe. Holztransport mit ellenlangem Zug, wie sie immer wieder vorbeidröhnen, hörbar auch in meinem Zimmer. Fussgängerzone Uliza Lenina, einmal mit Blick auf altes Stadttor. Optische Täuschung Orthodoxe Kirche (in Wirklichkeit steht vorne ein eher Kapelle zu nennender Bau, hinter dem die Kirche hervor schaut) Altes (burjatisches?) Haus, links mit bereits erneuerten Fenstern und dahinter sooo liebevoll gezogene Pflänzchen. Übrigens: Diashow starten, dann hats sogar eine Bildlegende. |
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Letzten Sonntag, 18. 4.
traf das Auto mit Sascha und Dima, zwei Studenten, pünktlich ein, Corina, deutsche Gastlehrerin, stieg zu und wir fuhren bis vor das ethnografische Museum. Dort draussen war es empfindlich kälter als in der Stadt, auch lag noch ziemlich Schnee - und entsprechend z.T. Wasserlachen. Die Anlage war (noch?) nicht vollständig zugänglich; vor allem die vom Eingang her auffälligsten Objekte, beispielsweise die blaugrün bedachte Kirche samt umliegenden Gebäuden waren abgeschlossen. Doch interessant ist die Ausstellung allemal.
Als erstes sicher der Teil über die Evenken, ein früheres Volk der Gegend. Die wohnten in „Häusern“, die ähnlich gebaut waren wie die Indianer-Tipis, im Sommer mit Birkenrinde gedeckt und im Winter mit isolierenden Tierfellen. Auch Gefässe und Schuhe aus Birkenrinde. Es ist für uns allerdings schwer vorstellbar, wie man darin Winter mit minus 40 Grad übersteht.
Später kamen wir zu verschiedenen bäuerlichen Siedlungen, die sich trotz Holzbau (noch) an der Form der Jurten orientieren, mit Feuerstelle in der Mitte des Raumes, oft mehreckige Blockbauten. Daneben werden auch verschiedene landwirtschaftliche Geräte gezeigt, ähnlich dem Landwirtschafts-Museum in Alberswil LU.
Interessant vor allem auch die Häuser der noch in zaristischer Zeit in diese Region verbannten Altgläubigen. Die sehen ausserordentlich stabil, schön und wohnlich aus, auch ein respektabler Wohlstand ist daran erkennbar: Grosses Haus mit zwei Stöcken, im oberen eine (zugängliche) Vierzimmerwohnung mit grossem Korridor in der Mitte, links und rechts je zwei Zimmer mit je einem Ofen, dazu schöne Einrichtung, vieles farbig, vor allem auch die gezeigten (Frauen-?) Kleider.
Dazwischen packte Dima an einem Sitzplatz warmen Tee aus und verschiedene belegte, sehr schmackhafte Brote; Gastfreundschaft pur. Am Schluss, gegen halb sechs, kehrten wir noch im angrenzenden Restaurant ein. Ausgezeichnete Suppe und Süssgebäck, für uns Ausländer beinahe unanständig günstig. Ein wirklich interessanter Tag. Endlich wieder mal ausschliesslich in Deutsch, das die jungen Leute im 3. Studienjahr recht gut beherrschen.
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Heute einige Tagebucheinträge der vergangenen Tage:
21. 4.: Das ging ja leicht mit Lena: Das Bahnbillett nach Irkutsk habe ich schon und das von dort nach Moskau hole ich morgen ab. Dieses „Geschäft“ war mir extrem auf dem Magen gelegen. Und da stellt die junge Studentin (mit Mann und Kind) einfach ihre Zeit zur Verfügung und kommt mit zum Bahnhof. Was sie wohl sonst noch alles am Hals hat? Auf jeden Fall begleitete ich sie danach zur Zentralbibliothek Burjatiens, wo sie Material für eine ihrer Arbeiten suchte und mir dabei das ganze Gebäude zeigte. Hilfsbereitschaft pur!
22.4.: Drei Doppelstunden heute! Und ich staune immer wieder, wie mein Russisch-Lehrer, der Deutsch-Dozent Wladimir, ein Mann in meinem Alter, seine Lektionen umsichtig vorbereitet. In seinen diversen Russisch-Lehrmitteln ist er so gut „daheim“, dass er zum gleichen Thema verschiedene Texte und Übungen vorlegen kann. Einfach grossartig!
23. 4.: Heute kein Russisch, aber um 12.30 Uhr einen kleinen Vortrag über das Schulsystem der Schweiz, an dem ich allerdings einige Zeit schrieb. Doch davon hatte ich ja genügend und konnte mich auch rasieren, duschen, etc., mich wieder schön sauber fühlen! Von den zu „beglückenden“ StudentInnen Wladimirs sind dann allerdings nicht alle erschienen.
Gestern war übrigens ein richtig warmer Tag, wolkenloser blauer Himmel - und Lenins 151er Geburtstag, wie mir Lidija erzählte. Das erklärte dann auch den Umzug der hupenden Autokolonne mit roten Fahnen, die um den Sowjetplatz gefahren war, gerade als ich am Mittag im Hemd aus der Uni kam. Die Leute hier trauen der Wärme allerdings (noch) nicht und tragen ihre warmen Kleider trotzdem.
25.4.: Der Sonntag wachte mit einem strahlend blauen Himmel auf. Gegen zehn startete ich den Ausflug nach dem Dazan Ivolginsk, 38 km von Ulan-Ude. Das ist ein rund 3 ha grosses Kloster und Zentrum des russischen Buddhismus. Das Gelände, die Tempel, die Mönche und die Besucher (innen) sind wirklich beeindruckend und ich machte ein paar Fotos. Danach fror ich wegen des Windes so erbärmlich, dass ich in die Sakusotschnaja floh, um an der Wärme Tee und zwei grosse Teigtaschen zu geniessen. Herrlich!
Heimfahrt mit einer Marschrutka: Die fährt, wenn sie voll ist. Kosten: ~ Fr. 2.-. Auf dem letzten Stück Heimweg dann ein kleiner Schneesturm; Sibirien machte seinem Ruf alle Ehre.
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Hier ein etwas längerer Bericht von Samstag, 1. Mai:
Um 10.30 Uhr treffe ich mich mit Corinna, um nach Tarbagatay zu fahren, das eine grosse Siedlung von Altgläubigen sein soll. (siehe Bericht Museum) Weil Corinna schon mal dort war, scheint uns dieses „Programm“ möglich. Wir marschieren zum Busbahnhof, bleiben aber noch am Sowjetplatz stehen, um die Musik spielen zu hören, die Menschenmenge zu beobachten und ein paar Fotos zu schiessen. Es ist schliesslich erster Mai, und der weltgrösste Lenin sieht hier nach wie vor riesig, geduldig und mit unberührter Miene auf die Leute, deren „Aufmarsch“ sehr volksfestartigen Charakter hat.
Am „Busbahnhof“ warten wir eine gute halbe Stunde und ich lobe mir den Entschluss, die langen Unterhosen angezogen zu haben, obwohl es gestern selbst ohne Hemd genügend warm gewesen wäre. Dann fahren wir eine gute Stunde und besuchen zuerst eine öffentliche Toilette, Holzverschlag mit Türe und Loch im Boden. Danach schlendern wir zur kleinen Kirche, die aber geschlossen scheint. Im Kirchhof stehen eine traktionsgetriebene Mähmaschine aus den 30er-Jahren und ein Ungetüm von Walze, wahrscheinlich etwas jünger.
Als ein Mann mit langem Bart auftaucht, winkt er mit der Hand und verschwindet im Haus nebenan. Danach erscheint eine Frau im Kopftuch und öffnet uns die kleine hübsche Kirche. Obwohl sie nur Russisch spricht, verstehen wir, dass die Kirche erst vor sieben Jahren erbaut wurde und hier wieder Gottesdienste stattfinden. Es fanden sich zwar einige alte Ikonen, aber die meisten Bilder der Ikonostase (Ikonenwand in orthodoxen Kirchen) sind nach alten Vorbildern neu gemalt worden. Später erscheint auch der Mann wieder, Vater Sergej, die Kirche hier aufbauender Priester und in einigen Publikationen zu sehen.
Er zeigt uns anschliessend „sein“ Museum, eine Menge interessanter, selbst gefundener und zusammengetragener Gegenstände, die er in der gleich gegenüber stehenden alten Turnhalle der Gemeinde ausstellt. Da liegen und stehen Geräte aus Landwirtschaft, Haushalt, Kirche; Kleider und Schmuck; aber auch Knochen von Mammuts und Nashörnern, die Jahrtausende im sibirischen Eis konserviert waren. Und die werden uns persönlich und mit handfesten Erklärungen gezeigt, ohne irgendwelchen Eintritt bezahlt zu haben. Selbstverständlich geben wir etwas zur Weiterentwicklung der Sammlung. Eine zusätzliche, über eine Treppe erreichbare Ebene hat er bereits mit Balken eingebaut und will da mehr Ausstellungs-Fläche schaffen.
Als wir fragen, wo man hier essen könne, bittet er uns in sein Auto, fährt uns zum Gasthaus der Siedlung, führt uns hinein und hilft bei der Bestellung. Danach will er warten, bis wir gegessen haben, um uns wieder zurück fahren zu können. Das lehnen wir dann jedoch dankend ab, wollen diesen Weg zu Fuss machen. Ein phantastischer Mann!
Wir essen gemütlich, verlassen auf dem Rückweg die Strasse und kommen auf schmalem Weg durch dürre „Wiesen“ zum Flüsschen, das noch sehr von Eis bedeckt ist. - Am ersten Mai! - Und eine Kuh, hinter der wir eigentlich hergelaufen sind, säuft gerade von einem kleinen Tümpel, der wahrscheinlich von der Sonne leicht gewärmt wurde. Sie ist mit Sicherheit kein EU-konformes Hochleistungstier, aber dem Klima hier angepasst.
Anschliessend besuchen wir den Friedhof, der sehr farbig aussieht von den künstlichen Blumen, mit denen hier vor rund zwei Wochen (zu einer Art Allerseelen) der Verstorbenen gedacht wurde; selbst jener, deren Grab nur noch ein kleiner Erdhügel ist.
Heute fielen statt Schneeflocken die ersten paar Regentropfen und zuhause, auf dem Fensterbrett, ist ebenfalls heute die erste Blüte der kleinen Geranie aufgeblüht. Am 1. Mai 2010! Und morgen beginnt meine vorläufig letzte Woche in Ulan-Ude.
PS: Danke allen SchreiberInnen von Kommentaren. Es ist schoen, so Rückmeldungen zu lesen!
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Nun sind die letzten Russisch-Lektionen schon Geschickte. Wo ist die Zeit geblieben?
Mein Lehrer Wladimir feiert heute Geburtstag und zeigte mir gestern noch so einiges: Ein Buch über den Baikal. Einen Kalender über und von Deutsch-Russen in Westsibirien, die im 2. Weltkrieg dorthin umgesiedelt wurden und einiges Brauchtum bewahr(t)en. Ein Album mit div. Fotos. Und einen Text über die russische Küche, wo wir schlussendlich beim Dessert landeten. Ein schöner Abschluss, danke Wladimir! Sogar eine Bestätigung des Kurses erhielt ich vom Pädagogischen Leiter der Uni beim Abschlussgespräch.
Aufgegangen ist mir aber: Was da alles in Sibirien noch zu entdecken wäre! Ich sah ja nur einen ganz kleinen Ausschnitt in und um Ulan-Ude. Dass ich mich ausserdem in der „neuen“ Welt nicht mehr ganz unbeholfen bewege, das freut mich wirklich. Natürlich war’s manchmal mühsam, aber das gehört ja zu Lernprozessen. Doch verstehen hier einige gute Geister Deutsch, von denen ich mich heute Abend verabschiede.
Das Waschen hat doch mehr Zeit gebraucht, als ich dachte. Das Schwierigste war, die zwei Sachen so im Zimmer zu platzieren, dass nichts passierte, obwohl Wasser heraustropfte. Die Faser-Jacke hängte ich ans Fenstertürchen und stellte auf einer Zeitung 2 abgeschnittene Flaschen darunter, die das Wasser auffingen. Den Pullover legte ich auf die Regenjacke, die ja dicht ist. So ging das ganz gut.
Omnipräsent sind gegenwärtig überall Spruchbänder und Vorbereitungen zum 65. Jubiläum des grossen Sieges vom 9. Mai. Es wird gewischt, Randsteine weiss gemalt und auf dem Sowjetplatz wurden zweimal drei Sitzreihen und eine grosse elektronische Wand aufgebaut, auf der die Truppenparade aus Moskau live übertragen werden soll. Eine Stadt in Vor-Feststimmung!
Nach dem Mittagessen ein langer Spaziergang zum Hügel, auf dem der „Dom Kultury“, eine Art Volks-Kulturschloss steht. Von der Terrasse hat man eine schöne Sicht auf die Stadt und vor allem auch auf Allee und Treppe, die zu ihm hinaufführen. Da kam etwas Wehmut auf: Es waren mal prächtige Anlagen. Nun sind sie aber in die Jahre gekommen und müssten saniert werden. Doch Zeiten und Prioritäten haben sich geändert und die Finanzen zur Sanierung …? Der Platz allerdings und das Denkmal mit den Namen der Gefallenen sind blitzsauber und mit Blumen geschmückt!
Auf dem Heimweg fiel mir ein Mann auf, der gerade seine Bierflasche leer getrunken hatte. Er bückte sich langsam, stellte seine Flasche ganz sorgfältig, ja fast feierlich auf den sandigen Boden und entfernte sich locker. Solche stehen gebliebenen Flaschen gibt es einige.
Morgen Abend fährt der Zug, der mich zuerst nach Irkutsk zu Bekannten führt und drei Tage später dann nach Moskau. Drum noch ein paar Souvenirs kaufen und packen. Do swidanija, Ulan-Ude!
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Mittwoch, schon gute drei Tage wieder hier. Trotzdem – so ganz bin ich noch nicht angekommen. Oder anders gesagt: Beinahe schmerzt es, wie mich so unverhofft wieder das „alte“ Leben überfällt mit Anforderungen, Terminen, Aufgaben. Keine sanfte Landung; keine Zeit, mich in Ruhe von der russischen Welt zu verabschieden; kein „Raum“, die vielen Begegnungen und Erlebnisse zu überdenken, zu ordnen, zu verarbeiten. Drum wenigstens dieser hier:
Die drei 3 Tage Irkutsk – der Hammer! Das befreundetet Paar dort, er CH, sie RU, verwöhnte mich nach Strich und Faden: Stadtbesichtigung, Parade zum 9. Mai und Feuerwerk am Abend, Ausflug an den Baikal inkl. Museum dort, tolle Gespräche und nicht zuletzt der grosse Plastik-Sack voll Proviant. Lange stand Larissa in der Küche, briet Poulet, kochte Eier und Kartoffeln, füllte ab, packte ein … Ganz herzlichen Dank, Larissa!
Für die lange Fahrt nach Moskau war ich nun exzellent gerüstet: Im 4-er-Abteil zwar ein Fremder, der nur wenig Russisch konnte. Aber doch auch einer, der den gleichen Proviant wie alle anderen hatte, der sich zum Essen an das gleiche Fenstertischchen setzte, der ebenso wie alle anderen mit heissem Wasser (das unbeschränkt zur Verfügung steht) Tee zubereitete und trank. Und bald auch gefragt wurde: Woher? Wohin? Weshalb ausgerechnet nach Ulan-Ude? (eigentlich unverständlich) und so weiter. Interessant schien der Kerl aus einem relativ unbekannten Land auf jeden Fall.
Selbst mit meinen nach wie vor sehr beschränkten Sprachkenntnissen war es möglich, sich etwas zu unterhalten; vor allem auch, weil so viel Zeit war, dass eine Wörterbuch-Nachschlage-Pause keine unüberwindliche Unterbrechung bedeutete. Mit der Zeit sass ich dann plötzlich auch mal in einem anderen Abteil, redete mit Angehörigen der Armee, zeigte auf dem Laptop Bilder aus der Schweiz oder wurde zum Essen eingeladen. Ein gute Erfahrung, sowohl was die Freundlichkeit der Leute, als auch was die eigene Sprachkompetenz betrifft.
Viele Stunden zum Fenster raus schauen: Gehölze, kahle Birken oft, weite Felder, ganz unterschiedliche Siedlungen, Flüsse, Seen, Schneegestöber, blauer Himmel, später Hitze, grüne Bäume, Blüten sogar. Fast monoton oft, aber nie langweilig. Die Weite, die riesigen Distanzen so zu erleben – phantastisch. Zu sehen, wie perfekt der Service ist: Blitzsaubere Toiletten und jederzeit Toilettenpapier, tägliches Saugen auch im Abteil, gratis Teeglas und Löffeli - beeindruckend. Im Zug von Sibirien nach Europa – ein phantastisches Erlebnis!
Die Hilfsbereitschaft einzelner Leute beim Umsteigen in Moskau: Ankunft kurz nach vier > warten im Wartsaal mit Frau aus dem gleichen Abteil > sie „übergibt“ mich einer anderen Wartenden, die in Richtung Flughafen weiterreist > nachdem die Metro öffnet, Probleme dank meiner Ungeschicklichkeit, dann per Metro weiter, umsteigen, aufsteigen, Bus suchen. Die Frau „übergibt“ mich zwei anderen Frauen, die ebenfalls zum Flughafen müssen > unter neuem „Schutz“ bis zum Flughafen. Dort kenne ich mich bereits etwas aus und verabschiede mich dankend.
Es bleibt viel Zeit, auf anderem Weg nochmals ins Zentrum zu fahren und die möglichen Verkehrsmittel, vor allem die Metro zu studieren. Nun fühle ich mich auch dort recht sicher. Auf der nächsten Reise nach Russland im Juli (Besuch eines Neffen, der ein halbes Jahr rund 500 südlich von Moskau arbeitet) soll ich „Reiseleiter“ spielen. Das erschreckt mich nicht mehr. Ich bin zurück von Russland – und werde wieder nach Russland fahren.
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| Fragen und Kommentare |
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Kommentar von Edi Schmid, geschrieben: 19.5.2010, 16:33 Uhr
Im verregneten Calvi lese ich in einem Café von deinem Finale. Gratulation! Ich war ein treuer Leser deiner Berichte, möchte aber schon mal mündlich noch von dir hören. Deshalb: Irgendwann im Juni im Pavino! Bis dann...
Kommentar von Käthy und Peter, geschrieben: 5.5.2010, 19:29 Uhr
Danke für deine Berichte. Auf der Karte haben wir deine Reise verfolgt. Wir wünschen dir noch eine tolle letzte Woche in dieser kalten Gegend.
Deine Nachbarn von weiter nebenan
Kommentar von Stephan Immoos, geschrieben: 25.4.2010, 21:18 Uhr
mich dünkt, mit deinem Bart siehst du schon wie ein echter Russe aus. Ich wünsche dir weitere eindrückliche Erlebnisse! Liebe Grüsse
Stephan
Kommentar von Edi Schmid, geschrieben: 22.4.2010, 10:36 Uhr
Bevor Agnes und ich selber mit "Emma" auf viel unspektakulärere Reise gehen (Korsika), habe ich einfach mal reingeguckt in deine Reiseberichte - und war mächtig beeindruckt. Einfach verrückt, was der "alte Knacker" immer noch anstellt! Ich werde auf der Insel deine Nachrichten mit Interesse weiter verfolgen und wünsche dir, dass deine Lust auf abenteuerliche Begegnungen mit Land, Leuten und Sprachen nie versiegen möge. Schon jetzt bin ich gespannt auf deine russischen Souvernirs anlässlich unserer traditionellen Dienstagshöcks im Pavino. Machs guet ond bliib gsond!
Edi
Kommentar von Luc, geschrieben: 22.4.2010, 09:33 Uhr
Danke für deine Berichte, Vater. Ich lese die also. Ich hoffe, dir ist wohl im Osten und sende auch einen Gruss von Conny...
Kommentar von Dora und Urs Baumann, geschrieben: 11.4.2010, 10:17 Uhr
Werni, wir wünschen dir einen guten Start in Ulan-Ude und warten gespannt auf deinen ersten Bericht. Liebe Grüsse Dora und Urs
Kommentar von Annemarie, geschrieben: 3.4.2010, 21:22 Uhr
Privjet Werner
Ich finde diesen Entscheid super! Auch ich bin als nicht mehr ganz Junge vor 3,5 Jahren für 2 Monate nach Ulan-Ude gereist und habe dort einerseits mein Russisch verbessert und andererseits an der Uni Französisch unterrichtet. Ich denke oft an dieses einmalige Erlebnis zurück. Noch immer habe ich gute Kontakte zu Leuten in Sibirien.
Für das bevorstehende Abenteuer alles Gute!
Anne-Marie aus Boll/Bern

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Werner
Sprachkurs in Ulan-Ude - Frühjahr 2010
Ich spreche:
Deutsch Französisch (Russisch) (Russisch)
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