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Reisetagebuch
Ort, 23. März 2010

Erste Woche Russland

Angekommen, abgeholt und froh darueber einen Schlafsack mitgebracht zu haben, denn die Wolldecken geben mir schon beim Anblick einen fiesen Ausschlag...
Mein erster Gedanke: Wow ich bin in der Zeit zurueck gereist, zurueck in den kalten Krieg mitten in die Sowjet Union.
Wie spannend...

Studentenwohnheim, lange braune Korridore mit kleinen gruen-blauen Tueren, schoen in Reih und Glied, eine nach der anderen und jede Tuer mit ihrer Nummer.

10-Stockwerk-Plattenbau - und ich in Zimmer Nummer 412, 4ter Stock....

Meine erste Frage, ob es Telefon gibt, wird mit einem Kopfschuetteln abgelehnt, es ist zu spaet und am Montag werde Natacha sich mit mir in Verbindung setzen… Heute ist Samstag, Tag der Ruhe, wohlverstanden!!!

Ich bin ja gut vorbereitet, seit meinen Afrika-trips gehe ich immer nach dem Motto ,, always expect the unexpected'' und mit diesem Motto fahre ich sehr gut.

Mein Zimmer-Fenster kann ich nicht oeffnen, es mit Schaumstoff und Klebesteifen zugeklebt, damit der Wind nicht rein kann - ich mach‘s trotzdem auf, jetzt kann ich dafür meine Haare gratis, ohne Strom foehnen. Hihihi…..(zum Glück wird’s auch in Moskau irgendwann Frühling – und wärmer!)

Sonntag, ich gehe spazieren und einkaufen, habe Hunger und Durst und weiss nicht, wo es was gibt - mache mich alleine auf die Pirsch. Hier kann wirklich kein Mensch English oder Franzoesisch oder Deutsch, und ich meine keiner!

Ich kann leider auch kein Wort Russisch, und so lerne ich schnell, dass Kefir keine Milch ist und Butter nicht gleich festes Bratoel.

Bis jetzt habe ich mich mit der Metro verfahren und habe mich schon x-mal in irgendwelchen wundersamen und wunderbaren Parks verlaufen, wenn ich auf meine taeglichen Jogging-trips gehe – aber ich lebe noch – und die Leute sind sehr freundlich und hilfsbereit.

Wichtig: Wenn es regnet, sollte man sich nie an den Strassenrand stellen, da man ansonsten - wie im Trickfilm – von vorbeifahrenden Autos einfach kurz und heftig ganzkoerper-geduscht wird, iiiihhhh…

Mein Fazit nach einer Woche: Moskau ist irre, ich bin ein schraeger Vogel und Moskau ist auch irgendwie schoen schreag - und das passt wunderbar zusammen. Ich mag es hier, die Menschen sind nett, die Lehrer freundlich und ruhig und hilfsbereit und nach nur einer Woche ist es mir moeglich, ein paar Saetze zu sprechen und ich habe bereits Anschluss an einige Studentenheimbewohner gefunden.
Mit Hand und Fuss und Englisch und Deutsch und mit meinem Russisch-Deutsch-Bilderwoerterbuch fuer Kinder komme ich immer irgendwie zurecht.

Heute war the international students scientifically practical conference und die haben mich glatt eingeladen, den Studenten doch bitte ueber die Schweizer Universitaeten zu berichten. Ich hoffe, dass ich die Schweiz gut vertreten habe, ich habe mein Bestes gegeben, wobei es schon eine challenge war, vor mehr als 7 Nationen zu stehen und einfach mal so frei zu sprechen, uuuups…

Hat aber Spass gemacht und ich bin gespannt wie meine Zeit hier weiter geht.

Allen,die Interesse an etwas voellig Neuem haben, kann ich nur empfehlen nach Moskau zu kommen. Aber bitte den Schweizer-Sauberkeitszwang zu Hause lassen, sonst koennte sich der Aufenthalt als Problem herausstellen...

So, bis bald… annajulia

Moskau, 28. März 2010


So, und schon wieder eine Woche rum!

Das grösste Highlight war wohl, dass ich eine Zimmernachbarin bekommen habe, die aus Deutschland kommt, die Calina. Sie spricht Deutsch und ist hier zum Studieren.

Endlich jemand, mit dem ich Deutsch reden kann und der auch fliessend Russisch spricht.

Zusammen haben wir sämtliche Läden abgeklappert, haben uns durch die Strassenstände gefuttert, haben zusammen eine Nacht auf dem Klo verbracht und Immodium gegessen...

Ja, man sollte die Brathühner nicht essen, einfach nur anschauen - ist wohl besser...
Wir haben den Roten Platz unsicher gemacht und sind mit der Metro einmal quer durch die Stadt gedüst…
Haben Bahnbillete gekauft, weil wir zu ihren Tanten fahren wollten - und sind da geschlagene 2 Stunde angestanden, und als wir am Schalter ankamen, hat die Lady drinnen einfach den Riegel geschoben und gemeint, dass sie jetzt 20 Minuten Pause hätte…

Wir haben gelernt, dass wenn man in einem etwas modernern Laden Kaffee trinken geht und das alles 800 Rubels kostet, und man einen 1000er Schein hinlegt, die das Retourgeld nicht wiederbringen - weil: wer‘s nicht passend hat, ist selber schuld.

Wir haben frisch aussehendes Obst gekauft und haben davon Ausschlag bekommen, Calina zumindest, weil die Pestizide sie wohl für ein Schädling gehalten haben.

Ich habe gelernt, dass man nicht einfach nur die billigste Zahnpaste kaufen sollte, da man sich sonst auch mit Schmirgelpapaier das Zahnfleisch aufrauen kann, um zum Zahnfleischbluter zu werden.

Noch haben wir keine Möglichkeit gefunden unsere Sachen zu waschen, darum waschen wir in unserer Badewanne und haben ein riesengrosses Bubblebad veranstaltet. Das Waschmittel riecht zwar nicht gut, macht aber unglaublich tolle Bubbles. :-)

Haben unsere Zimmer geputzt und erstaunliche forensische Funde gemacht, spannend, wer da schon alles gewohnt hat - oder noch immer hier lebt...
Aber die Sonne scheint nun fast jeden Tag und die ersten Blumen strecken ihren Kopf aus dem Boden, die Strassenmänner sind fleissig und tragen den Schnee mit grossen Lastwagen ab, putzen die Strassengeländer (warum weiss ich auch nicht, ist ja eh keine Farbe mehr dran).

Der Frühling scheint Einzug zu halten und überall laufen verliebte, knutschende Paare in den Pärken herum, schön romantisch...

Meine Lehrerin ist begeistert, wie schnell ich Fortschritte mache, was mich wiederum sehr stolz macht, weil ich nun wirklich in der Lage bin, mich an kleineren Unterhaltungen zu beteiligen. Die Schrift kann ich mittlerweile sehr gut und Diktate schreibe ich fehlerfrei, obohl ich nicht immer genau weiss, was ich da eigentlich schreibe.

So das wär‘s dann auch schon mal, für Russland die 2te.

AnnaJulia

Moskau, 11. April 2010

So und wieder eine Woche vorbei…

Die Zeit scheint zu fliegen, und ich würde lüg, wenn ich sagen würde, dass ich darüber traurig bin...

Die Zeit hier in Russland ist spannend und voller Überraschungen, aber das Bedürfnis nach zu Hause und meinen vertrauten Menschen war noch nie so gross.
Was Moskau anbelangt, werde ich zur Philosophin und dies bestätigt meinen Wunsch und mein Gefühl, dass ich das Richtige mache, wenn ich das Studium der Sozialen Anthropologie beginne.
Wie so oft scheint es mir hier einfach kein richtig oder falsch zu geben.
Unterdessen habe ich meine Ansichten geändert oder neue dazu gelernt. Ich bin der Meinung, dass auch ich ohne Gesellschaft gar nicht leben könnte, ausser ich entschiede mich für eine völlig andere - primitivere – Lebensform.
Die Auseinandersetzung mit der Welt erfordert eine Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Wer nicht auf reiner Theorie, auf bloßen Gedankengebäuden, sprich auf dünnster Luft bleiben will, wer sich ernsthaft mit Realität beschäftigen will, der muss das tun und der einzige Weg dafür ist - meiner Meinung nach, nicht der Meinung von einigen wenigen Rationalisten, Idealisten, Solipsisten nach - Erfahrung, Erleben.
Eine Möglichkeit, Erkenntnisse ohne Erfahrungen zu sammeln, scheint mir die Mathematik zu sein und die ist ehrbar. Doch selbst diese alte Dame der apriorischen Erkenntnis beweist ihren Wert letztendlich auch nur durch eine Auseinandersetzung mit der Realität.

Wie hat schon Erich Kästner gesagt? Entweder man lebt oder man ist konsequent...

Was kann ich ansonsten noch hinzufügen?

Ich habe den Moskauer Markt unsicher gemacht und die wohl schönsten Radieschen der Welt gekauft und die besten Karotten, die ich je gegessen habe.
Von den Gurken ganz zu schweigen...

Der Park wird von Tag zu Tag lebendiger, die Sonne hat jeden Tag geschienen und die Temperaturen sind immer um die 13 Grad.

Die Metro nehme ich zwar immer mit einem sehr mulmigen Gefühl, jedoch kann ich ohne Metro nicht in die Stadt - und wo sonst gibt es Starbucks? Es geht nichts über einen Kaffee bei Starbucks, ah… und da kommt ja auch gleich die Erinnerung hoch, ich war doch in diesem absolut genial süssen Kaffee namens Puschkin.
Ein Kaffee zum Sitzen und Nachdenken...

Jetzt muss ich los...

Moskau, 16. April 2010

Ich weiss gar nicht ob ich es mir nach nur einem Monat erlauben darf, mir eine Meinung über den universellen russischen Charakter zu bilden, denn ich glaube, dass ich noch lange nicht alles gesehen habe, geschweige denn rausgefunden habe, wie hier der Karren rollt...

Dabei gibt es allerdings durchaus Eigenarten, die die verschiedene Menschen, Völker und Mentalitäten in dem Begriff "die russische Seele" vereinen.

Zunächst: Die Russen sind gastfreundlich. Ich habe das Gefühl sie sind gerne breit, Leute zu sich einzuladen, sei es zu einem Tee oder zu einem Stück Kuchen und es scheint mir, als hätten sie gerne immer full-house und mögen es, je mehr menschen desto besser. Andauernd wird man eingeladen zum Karten spielen, Tee trinken oder Wurst essen, und eine solche Einladung abzulehen geht nicht, das wäre eine Kränkung.
wenn man Schokolade mitbringt oder sonst etwas Süsses. Sind sie geradezu entzückt - ich glaub die Russen sind verrückt nach Süssigkeiten.

Man trinkt in Russland viel, lange und auf verschiedene Weisen. Bei jedem Besuch auf Grund einer Einladung wird viel getrunken. Man leert die Gläser in einem Zug und hält das Glas nicht lange in der Hand - heller Wahnsinn kann ich da nur sagen - aber so ist es bei den Russen Brauch. Es gibt viele verschiedene Bräuche rund um das Trinken. Man hat mir gesagt, dass alles über die Russische Trinktradition in der Nationalbibliothek zu finden sei und dass der Katalog von Bräuchen dort rund drei Geschosse unter der Erde einnehme, na dann Prost!

Das russische Volk ist sehr - lasst mich überlegen - herzlich? Eher „frei Schnauze“. In Russland verheimlicht man weder gute noch schlechte Gedanken, alles wird einem hemmungslos - was nicht immer schlecht ist –entgegen geschleudert. Russen kommen mir manchmal so vor als ob sie das Motto verfolgen: nicht jeder kann sich einen Psychotherapeuten leisten, also heilt das Volk sich selbst.
Ich habe dieses Gefühl, und das finde ich sehr schön, allerdings macht genau dies es wiederum sehr schwer Kontakt mit ihnen aufzunehmen, weil die Russen vertrauliche und vertraute Beziehungen dem Smalltalk vorziehen.
Lustig ist auch, dass es überhaupt keine Rolle zu spielen scheint, an welchem Ort man miteinander redet, in einer kleinen Küche oder in einem respektablen Restaurant, auf einer Bank im Park oder im Abteil eines Zuges - jeder kann zuhören egal worum es sich handelt, es scheint fast so, als ob die russische Mentalität Worte „hinter dem Rücken“ verpönt - lassen wir mal Korruption und Machtspiele weg – und ich spreche hier nur von der einfachen Bevölkerung, so wie ich sie kennengelernt habe.

Dann gibt’s da noch dieses Klischee über die Russischen Mädchen/ Frauen, welches ich ein wenig genauer untersuchen wollte. Ich habe einfach genau beobachtet und dabei verschiedene Eigenschaften feststellen können.
In der Schweiz tragen Frauen oft dieselben T-Shirts und Hosen wie ihre männlichen Freunde, das kommt in Russland nicht in Frage! Ebenso habe ich mich davon überzeugen lassen und es auch so erlebt, dass eine russische Frau ohne Zögern in hohen Absätzen über Eis laufen (was gar nicht so einfach ist), oder bei Eises-Kälte in einem Rock herumlaufen wird.

Russische Frauen legen Wert darauf, gepflegt auszusehen. Sie versuchen, sich gut anzuziehen, sich zu schminken, selbst wenn sie kein Geld haben - und über Stilfragen möchte ich mich an dieser Stelle nicht äussern. Selbst im Winter sind sie sehr elegant, tragen dünne Strumpfhosen und verzichten auf Mützen, da komm ich mir mit meinen frostfesten Klamotten manchmal vor wie ein Bauerntölpel.
Russische Mädchen schminken sich stark und es stimmt schon, in Russland wird manchmal etwas übertrieben, manchmal sehen sie aus wie geschminkte Puppen.
Was bewundernswert ist, ist die Art und Weise wie die Russinnen es schaffen, gleichzeitig Erfolg und Charme zu haben.
In der Schweiz wird immer wieder die Frage diskutiert, ob eine Frau Karriere machen oder sich ausschliesslich den Kindern und der Familie widmen sollte, aber die russischen Frauen sind gezwungen, beides zu vereinen.
Seit Generationen haben sie gelernt, arbeiten zu müssen und Kinder zu gebären. Galina, meine russische Freundin und Mitbewohnerin hat es mir so erzählt: eine Frau in Russland ist eine Politikerin, eine Ärztin, eine Busfahrerin oder eine Polizistin, und sie erzieht ihre Kinder mit derselben Weiblichkeit, mit der sie Strassen baut.

Wahnsinnig spannend...

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Julia
Labour Service in Moskau - Frühling 2010

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