andrea berichtet aus
Fotos Als Diaschau ...  
Über mich
noch über der Schweiz... Valentinstag in Bischkek kalter Sonntag am Cui Funpark im Soviet-Style Strassenszene im Kunstmuseum fertige Skulptur? Atelierbesuch: Bild eines Mädchens in einem Atelier
in einem anderen Atelier ... und nochmals ein typischer Wohnblock Aussicht aus der Bar im Moto Kuchenauslage hmmm unterwegs ins chong-kemin tal abend in karaöldöbö spaziergang am fluss ausritt (spaziergang mit pferd)
schnee und matsch im dorf filzkunst wintereinbruch nr 1 flohmarkt am ortosai-basar mahnmal mini-lädeli noorus (neujahrsfest) am alatoo-platz im alamedin-basar schon fertig?
kitschige Szene mit Moschee am Stadtrand Trauer nach der Revolution Gebet am Freitag nach der Revolution die Staatsanwaltschaft brennt... Asbest? Schutzmasken? Gedenkstätte mit Fotos der Getöteten blick über chong kurchak wanderung friedhof mit abendstimmung zwischen Bischkek und Jalal-Abad
Staumauer in Toktogul Aussicht hinunter nach Jalal-Abad spannende Konstruktion, wahrscheinlich nie gewartet. leere Souvenierstände in Arslanbob Busbahnhof-Toiletten Arslanbob: ein Stück Schweiz in Kirgistan Landschaft bei Özgön
Reisetagebuch
Bischkek, 9. März 2010

Hm, jetzt bin ich seit drei Wochen in Kirgistan. Wovon soll ich berichten? Woran werde ich mich später erinnern, und woran möchte ich mich erinnern?



Das erste Highlight meines Kirgistan-Abenteuers war bereits der Flug nach Bischkek über die verschneiten Alpen und durch die Wolken, danach das riesige Istanbul von oben und die Landung auf dem Flughafen Bishkek, mit den Ami-Armeejumbos gleich nebenan. In den vergangenen drei Wochen habe ich mich gut eingelebt, auch weil mich Cinzia, die schon seit Januar hier ist und am selben Ort arbeitet wie ich, am Anfang überallhin begleitet hat. Ich wohne (wie schon Cinzia und alle anderen Volunteers) bei Valentina, einer älteren Frau, fast im Zentrum der Stadt in einer 2-Zimmerwohnung (ich schlafe im Bett und sie auf dem Sofa). Sie bekocht mich auch, wäscht meine Sachen, dafür biete ich ihr anscheinend Gesprächsstoff für ihre Telefonate und schaue interessiert ihre Fotosammlung an, die aus Fotos ihrer Tochter an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Lebenslagen zeigt.



Ich habe bereits so etwas wie einen „Alltag“ entwickelt:

Mein Tag beginnt mit einem europäisch-kirgisischen Frühstück aus Yoghurt (aus der Ukraine oder so) mit Dvorok (trockener Hüttenkäse), sehr feinem kirgisisches Brot (Lipioschka) mit Honig aus den Bergen und Smetana (Sauerrahm). Danach fahre ich per Marschrutka zu meiner Russischlehrerin Maja. (in der ersten Woche habe ich an einem Tag zuerst die falsche Marschrutka genommen und danach die Haltestelle verpasst). Maja ist lustig, sie erzählt immer viel und ist zufrieden, wenn ich den Sinn halbwegs verstanden habe. Ich habe zwei Lektionen pro Tag, trotzdem fehlt es im Moment noch an allem: Wortschatz, Grammatik, Aussprache..., aber ich komme mit sehr wenig auf der Strasse zurecht: „nein, ich bin nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz; ja, die Schweiz ist sehr schön, und Kirgistan gefällt mir auch gut...“

Danach gehe ich zur Arbeit, wo wir seit letzter Woche tatsächlich Internet haben! Nach langer Überzeugungsarbeit, dass eine (!) langsame (!) Dial-up Line (!) nicht reicht, gibt es nun für fast jeden Computer einen schnellen Anschluss - für sie war es ganz normal, mit solch improvisierte Lösungen zu arbeiten. Improvisation beschreibt die Situation im B’Art recht gut: vieles ist eigentlich noch im Aufbau, ohne dass es aber richtig zu Ende gebaut wird. Die Organisation existiert in seiner heutigen Form erst seit 2006 und hat in der Zwischenzeit schon einige kreative Projekte erfolgreich durchgeführt. Letzte Woche ist eine Photoausstellung zu Ende gegangen, an die jeder Fotos einsenden konnte - entsprechend durchmischt war die Qualität. Am Dienstag war Opening der jährlichen Womens Exhibition von kirgisischen Künstlerinnen. Es waren sehr viele andere Künstler und Journalisten anwesend, plus noch einige, deren Interesse mehr dem Buffet galt.

Ich arbeite im Moment am neuen Businessplan, der die Positionierung des B‘Art Center, seine Aktivitäten und Marketingstrategie klären soll. Ich finde es spannend, eine Organisation als Ganzes zu analysieren, Einblick zu haben in ihre Organisation und besonders die Bedingungen des Kunstsektors in Kirgistan kennen zu lernen. Leider habe ich keinen Einblick in die Planung der grösseren Projekte, da ich die Leute nicht kenne und meine Russischkenntnisse noch nicht ausreichen. Letzte Woche besuchten wir einige der etwa 70 Ateliers, die sich im selben Komplex wie das B‘Art befinden. Es ist spannend zu sehen, wie sich kirgisische Kunst zwischen traditioneller Landschaftsmalerei der kirgisischen Natur, Kopien der europäischen Moderne und zeitgenössischen Einflüssen zu positionieren versucht. Die meisten hiesigen Künstler sind Maler, gefolgt von einigen Bildhauern; nur sehr wenige Künstler arbeiten photographisch, mit Video oder installativ.





Ich besuchte vor zwei Wochen mit Cinzia den Osch-Basar im Westen von Bischkek, und eine Woche später den Dordoi-Basar, der etwas ausserhalb liegt und einer der grössten Märkte Zentralasiens sein soll.

Dort sind die Preise niedriger (und verhandelbar) als in Supermärkten und den Tante-Emma-Läden, die man überall sieht. Die Leute kaufen auf dem Basar meist Lebensmittel ein, doch auch Kleider, Hygieneprodukte und Souveniers werden angeboten. Die Marktstände sind immer nach Waren gruppiert, in einer Halle ist der Kleidermarkt, draussen reihen sich die Gemüseverkäufer aneinander, darauf folgt Getreide, Früchte, Trockenfrüchte und Nüsse, Süssigkeiten - und als Highlight Schafsmilchklumpen mit Salz, deren Name ich vergessen habe. Im Winter beschränkt sich das Angebot an Früchten und Gemüse auf Äpfel, Karotten, Kohl, Zwiebeln und Importfrüchte, doch im Sommer soll es alles Mögliche haben. Uns hat besonders die Vielfalt an verschiedenen Trockenfrüchten, Nüssen und selbstgemachten Snacks beeindruckt, dem konnten wir nicht widerstehen. Eigentlich wollten wir noch Tee kaufen, doch den haben wir nicht gefunden. Im Nachhinein wurde uns gesagt, dass der Basar noch viel weiter ginge als das, was wir gesehen haben...

Bischkek, 25. März 2010

kurze (unvollständige) zusammenfassung der letzten drei wochen:
6. - 8. märz
trip nach karaoldöbö und tokmok, mit vier anderen volonteers. (nachzulesen bei cinzia;-)

8. märz (tag der frau)
In der ganzen Stadt sieht man Frauen, besonders junge, mit Blumen, Blumensträussen oder überdimensionalen Plüschtieren.

danach einige tage im selben rhytmus: russischlektion - im büro sitzen - essen - arbeiten - cider/bier im antons - schlafen.

17. märz
ein englisches pub organisierte ein fest zum st. patricks day, wahrscheinlich waren in der ganzen stadt keine ausländer mehr anzutreffen, weil alle dort feierten. auch wenn niemand so genau wusste, wer denn dieser st.patrick war.

20. märz
Habe Bekanntschaft mit der Miliz gemacht. Es wurde nicht ganz klar, was ihr Ziel war, Geld oder meine Natelnummer. Die Begegnung war jedenfalls irgendwas zwischen amüsant und beängstigend. Ich habe jetzt gelernt, nie abends in einer Seitenstrasse zu fotografieren, wenn die Miliz in der Nähe ist.

21. märz
Noorus = kirgisisches Neujahrsfest, also Feiertag. Feiern bedeutet für Kirgisen anscheinend, man geht auf den zentralen Platz und trifft dort während mehreren Stunden Kollegen. Sprich: es war nichts los. Sehr viele Leute, alle standen und schwatzten, dazwischen Cinzia und ich als die (vermeintlich) einzigen nicht-Kirgisen. Wir haben dann halt auch einfach rumgestanden, gefötelet und geschwatzt. Nur haben wir niemanden getroffen, sonst wären wir fast als Kirgisinnen durchgegangen;-)

24. märz
Tag der Revolution (Sturz Akaijews von 2004), wir hatten frei. ich war zum 1. mal auf dem alamedin-basar und haben nun alle 4 basare der stadt gesehen. In jeder Himmelsrichtung liegt einer: im Norden der grosse Dordoi (v.a. für Kleidung, es hat aber auch alles andere), im Osten der in und um eine Halle angelegte Alamedin (Haushaltswaren, Werkzeug, günstige Esswaren), im Süden der Ortosai (dort hat es von allem etwas; am Wochenende mit Flohmarkt), und im Westen der Osch-Basar (mit besonders vielen Nüssen und Trockenfrüchten). Abends war irgendwie trotz "Tag der Revolution" nichts los, oder es fand einfach irgendwo ganz anders statt als dort, wo wir waren.

Bischkek, 25. März 2010

Seit heute bin ich wieder legal im Land: ich habe ein Visa und bin an einer Adresse registriert. Wobei die Visa-Verlängerung die kirgisische Bürokratie besser widerspiegelte. Eine Anleitung:

1. 2-3 Wochen vor Ablauf des Visa aufs Visa-office gehen, besser nicht alleine, da alles auf Russisch, mit Passkopie, Passfoto und offiziellem Schreiben des Arbeitgebers, warten, Antragsformular ausfüllen.

2. 2 Wochen später mal anrufen und fragen, ob sie den Antrag schon bearbeitet haben. Sie nehmen das Telefon nicht ab. Also aufs Büro gehen. Es ist noch nicht erledigt.

3. 3 Wochen später nochmals das Visa-office besuchen. Erfahren, dass sie inzwischen umgezogen sind. Zum neuen Ort gehen, ok, es gibt ein neues Visa (3 Monate, sie stellen anscheinend im Moment keine längeren aus). Dazu muss man aber zuerst am alten Ort 1000 Som bezahlen.

4. Also zurück zum alten Office. Dort haben sie anscheinend nur einen alten Computer zurückgelassen, der ununterbrochen Quittungen ab Papierrolle ausspuckt. Anstehen. Bezahlen.

5. Mit dem Beleg zurück zum neuen Office. Sie machen Mittagspause. Warten. Beleg und Pass abgeben.

6. 3 Tage später den Pass mit nigelnagelneuem Visa abholen.



Dagegen war die Registration geradezu ein Kinderspiel: Zuerst im Hinterhof in einer "Bank" 120 Som bezahlen, dann Quittung, Passkopien und Brief des Arbeitgebers (wichtig: Stempel) im Büro abgeben, Stempel in den Pass erhalten. Fertig.



Mit der Registration, die wir heute erledigt haben, hat das ganze Prozedere genau einen Monat gedauert.

Bischkek, 30. März 2010

das ist ein frust-eintrag: gerade wurde mir mein portemonnai in der marschrutka gestohlen... zum glück habe ich fast alles geld zuvor auf dem osch-basar ausgegeben. trotzdem schade um das portmonnai! sch*!

Bischkek, 27. April 2010

Endlich habe ich meine Erlebnisse der Revolution aufgearbeitet. Ich bemühte mich um Vollständigkeit und Richtigkeit, was natürlich nicht restlos gelang.

Am 7. April fand in Bischkek eine Revolution gegen das Regime des Präsidenten Bakijev statt. Auslöser waren die offensichtliche Vetternwirtschaft - Bakijevs Sohn Maxim führte ein eigens geschaffenes „Behörde für Entwicklung, Investition und Innovation“, sein Bruder Schanysch war zuständig für die nationale Sicherheit. Dem Clan wird vorgeworfen, sich bereichert zu haben, während die Bevölkerung ärmer und ärmer wurde: Die Lebenskosten stiegen seit dem Amtsantritt Bakijevs, während gleichzeitig die Löhne sanken; per 1. Januar 2010 stiegen die Stromkosten um das Doppelte, gleichzeitig wurde der Strom aus dem neu gebauten Wasserkraftwerk ins Ausland verkauft; die Amerikaner bezahlten für ihr Bleiberecht am Flughafen Manas seit 2009 viel mehr als zuvor und niemand weiss, wohin das Geld floss; Russland stoppte seine Finanzhilfe. Die Widerwahl Bakijevs 2009 wurde als Fake bezeichnet und ihm massiven Wahlbetrug vorgeworfen; auch die OSZE bemängelte die Bevorteilung Bakijevs in den Medien vor der Wahl und Unregelmässigkeiten bei der Auszählung. Als wäre das nicht schon genug, war allgemein bekannt, dass Maxim als nächster Präsident schon fast feststand. Alles in allem etwa dieselben Verwürfe, die schon 2006 zum Sturz des damaligen Präsidenten Akijev geführt hatten - und zur anschliessenden Wahl Bakijevs.
Am Dienstag, 6. April demonstrierten Anhänger der Opposition in Talas (einer Stadt im Westen von Bischkek) und in Naryn (in den südlichen Bergen) gegen die Regierung, nahmen in Talas den Gouverneur gefangen und setzten einen neuen ein. In Bischkek war zu dieser Zeit ruhig; als die Nachricht abends die Runde machte, dachte man eher an eine weitere erfolgslose Demonstration einiger Leute. Die ersten Anzeichen dafür, dass etwas anders ist, waren das Fehlen von öffentlichen Bussen am Mittwoch über Mittag - zwei davon fuhren an mir vorbei Richtung Stadtzentrum, gefüllt mit Miliz (zu dieser Zeit fand ich dieses Bild der zusammengepferchten Miliz noch recht lustig und bereute, keine Kamera dabei zu haben). Am Nachmittag gegen vier erhielten wir einen Anruf, wir sollten nach Hause gehen, in der Stadt sei es unruhig. Die Nachrichten im Internet waren noch recht spärlich, es war von gewalttätigen Demonstrationen die Rede. Wir machten uns bereit, notabene nicht um nach Hause sondern in die Stadt zu gehen - da wurde uns gesagt, es gäbe Tote. Fernsehen und Radio waren zu dieser Zeit schon abgestellt, so erhielt man nur Informationen von Freunden per Mobiltelefon, die aber auch nicht so genau wussten was passiert. Abends wurden die ersten unkommentierten Bilder ausgestrahlt - Fernsehen und Radio war schon in der Macht der Opposition, das wussten wir aber nicht: dass öffentliche Anstalten überhaupt senden, ist ein Zeichen geklärter Machtverhältnisse. Die Bilder, zeigten Menschenmengen, die sich regelrechte Schlachten mit der Polizei lieferten - letztere waren gegenüber den angeblich 32‘000 Aufständischen zahlenmässig weit unterlegen und offensichtlich schlecht organisiert, sodass jeder Versuch, die Kontrolle über eine Strasse zu erlangen, mit einem Rückzug endete, bei welchem die Polizisten, die zu langsam waren oder stürzten, gnadenlos verprügelt wurden. Anfangs war auch nur von verletzten Polizisten die Rede. Die Demonstranten, die anfänglich nur mit Steinen bewaffnet waren, erbeuteten auf diese Weise Helme, Schutzschilder und Waffen. Als sich die Situation zuspitzte, sah man auch Leute mit Maschinenpistolen. Soweit war die Situation vergleichbar mit dem Sturz Akijevs 2006. Dies änderte sich, als die Polizei das Feuer eröffnete, als die Demonstranten versuchten, das Regierungsgebäude zu stürmen. Mithilfe von Panzern, Lastwagen und Traktoren gelang es schliesslich die Umzäunung zu durchbrechen, und gegen Abend erreichte uns die Meldung, das Regierungsgebäude sei eingenommen und die Regierung damit faktisch gestürzt.
Während der Nacht sind immer noch Schüsse gefallen, und etliche Geschäfte wurden geplündert, bevorzugte Ziele waren die Lebensmittelgeschäfte „Narodnyi“, die Maxim gehören (er besitzt auch die Disco Bacardi und Megacom). Ausgeraubt wurden vor allem Geschäfte und Restaurants in der Mitte der Stadt, aber auch etwas ausserhalb gibt es Spuren der wütenden Masse, bevorzugt Einkaufszentren und Geschäfte mit teureren Gütern – obwohl die meisten Läden vorbereitet waren, nachdem es schon 2006 zu massiven Plünderungen und Zerstörungen gekommen war, und mit Metallstoren abschlossen. Auch einige Gebäude wie ein Einkaufszentrum, und die Prokuratura (Staatsanwaltschaft) gegenüber des Ala-Too wurden angezündet.
Die Bilder im Fernsehen waren einerseits schlimm wenn ich mir vergegenwärtigte, dass dieselben Leute, die man noch vor wenigen Stunden auf der Strasse antraf, nun mit einer solch gewaltigen Wut auf Polizisten losgingen, die selbst Kirgisen waren, manchmal noch halbe Knaben, manchmal sah man hinter einem Helm Gesichter voll Angst oder Wut - dazwischen gabs nichts. Und verletzte und Körper, bei denen man nicht wusste, ob sie noch lebten, weggeschleppt von Kollegen, Bilder aus Spitälern mit hektischen und erschöpften Krankenschwestern und überfüllten Sälen. All diese Bilder gaben aber andererseits eine gewisse Distanz zum Geschehen, es sind gewohnte Bilder, wie wir sie tagtäglich in den Nachrichten sehen.

Am nächsten Morgen war die Polizei schon unter der Kontrolle der Opposition, was sicher für Polizisten und Miliz nicht ganz einfach war, ebenso wenig für die Leute: vor einem Tag noch waren sie Feinde bis aufs Blut, und machten sich gegenseitig für Tote und Verletzte verantwortlich, und plötzlich standen sie auf derselben Seite. Die nächsten Tage waren nur sehr vereinzelt Miliz oder Polizei zu sehen, ein Polizeifahrzeug stand meist auf der Sovjetskaja (anstatt zuvor an fast jeder Strasse), und zwei versperrten den Zugang für Autos zum Ala-Too, zu Einsätzen fuhren sie in ganzen Bussen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie sich fürchten - wahrscheinlich zu Recht. An den Demonstrationen sah es aus, als ob es den Demonstranten nicht nur darum ging, das Regierungsgebäude einzunehmen, sondern es wurde mit grosser Brutalität auf Uniformierte eingeprügelt, was einer Abrechnung der jahrelangen offenen Abzockerei gleichkommt.

An jenem Donnerstag gingen wir als Erstes ins Art Center, um uns über Internet ein Bild der Lage zu machen, doch die Nachrichten brachten zwar viele Hintergründe und Berichte dessen, was am vorigen Tag passiert war, doch wenig, wie die Situation in der Stadt aktuell aussah. Das Fernsehen brachte weiterhin unkommentierte Bilder, aber auch ohne Zeitangabe, sodass man keine Ahnung hatte, was wann passierte und ob sich die Lage verbesserte oder verschlimmerte. Als Freunde meldeten, es sei ruhig, beschlossen wir am frühen Nachmittag, Richtung Zentrum zu gehen und uns selbst ein Bild zu machen. Wir waren recht ängstlich, war uns doch gesagt worden, die Situation sei instabil und es könne zu spontanen Aktionen kommen. Wir waren entsprechend vorsichtig, gingen zuerst an die Bushaltestelle an der Sovjetskaja und berieten dort lange, welches Verkehrmittel wir nehmen sollten: die Marschrutka war zu unübersichtlich, das Taxi zu unsicher, falls der Taxifahrer uns gegenüber feindlich eingestellt ist oder falls das Taxi angehalten wird, so entschlossen wir uns für den Bus. Besondere Aufmerksamkeit schenkten wir Frauen, Kindern und nicht-Kirgisen: sie waren für uns ein gutes Zeichen, dass sich einige auf die Strasse wagten, wobei es immer noch fast ausschliesslich Kirgisen waren und Ausländer und Russen noch immer wenig zu sehen waren. Wir stiegen beim ZUM aus und mussten durch die Unterführung, um Richtung Ala-Too zu gelangen, was uns doch noch recht unsicher erschien - natürlich war es kein Problem. Ich hatte das Gefühl, etwas mehr angeschaut zu werden als sonst und rechnete stets mit Reaktionen wie: „was machst du hier, das geht dich nichts an!“ – Politik ist Sache der Kirgisen, auch die ethnischen Russen beteiligten sich nicht an den Protesten. Auf dem Ala-Too waren viele Leute, im Zentrum versammelten sich die Männer und hörten wechselnden Sprechern zu, die auf kirgisisch irgendetwas sagten. Nach einiger Zeit organisierten sich auch einen Übertragungswagen mit Megafonen. Es war unglaublich, dass wir an demselben Ort vor zwei Tagen entlanggegangen sind, Souvenir gekauft haben und völlig ahnungslos waren, was nur 24 Stunden später dort passiert. An der Ecke zum Weissen Haus blieben wir stehen, mit Blick auf das schwarze Fenster im obersten Stock, das ausgebrannte Fahrzeug von den Toren und die jungen Demonstranten, die immer noch eher laut von einem Auto herunter Parolen skandierten. Das Blut und die Steine waren von den morgendlichen Putzkolonnen weggeräumt, die Leute zählten die Einschusslöcher in den Wänden. Als uns einige Leute mehr vom weissen Haus entgegenliefen, verliessen wir den Platz sofort.

Zuhause, etwa einen Kilometer vom Zentrum entfernt, fühlte ich mich jedoch sicher. Die letzte Revolution hatte sich nach 4-5 Tagen normalisiert, und ich dachte, notfalls auch so lange zuhause bleiben zu können. Doch dann erhielten wir einen Anruf vom Bruder meiner Mitbewohnerin: Ein befreundeter Journalist habe zuverlässige Informationen, dass einige Leute in der Nacht die Häuser reicher Leute plündern und anzünden wollen, und da wir in der unmittelbaren Nachbarschaft zu diesen Häusern wohnten und obendrein noch ohne Mann zuhause waren, müssten wir sofort unsere Sachen packen und zu Verwandten gehen. Dies löste in mir eine mittlere Krise aus, nicht etwa, weil es schlimm oder umständlich war, dorthin zu gehen, sondern weil sich die vermeintliche Sicherheit als überhaupt keine Sicherheit herausstellte. Wir flohen also: packten unsere Sachen, verstauten die Wertsachen im Safe (den man wahrscheinlich auch einfach als Ganzes hinaustragen könnte) und riefen ein Taxi. Dies musste anscheinend noch einen Umweg fahren, weil irgendwo in unserer langen Strasse ein Menschenauflauf war, was mich gerade noch mehr beunruhigte. Doch wir gelangten sicher zu den Verwandten, assen gut, schliefen schlecht, und kehrten am Morgen müde, mit vollem Bauch und ungeduscht nach Hause zurück, wo wir alles wie vor unserer Flucht vorfanden. Rückblickend löst mir diese Erinnerung gespaltene Gefühle aus: zu dieser Zeit hatte ich selbst eigentlich wenig Angst, aber von allen Seiten wurde uns gesagt es sei gefährlich. Andererseits kam es wirklich zu Plünderungen in dieser Nacht, Maxims Haus und auch die von anderen Regierungsmitgliedern wurde angezündet. Es schien aber, als seien die Leute wirklich eher Oppositionelle, die sich ihre Opfer genau aussuchen, als Plünderer, welche die Gunst der Stunde nutzten und alles ausraubten, was möglich war.

Am Freitag flammte das Feuer in der Prokuratura nochmals auf, mit gewaltigen Rauchwolken, die wir schon von weitem sahen. Einer der Schaulustigen erzählte uns, sie hätten die Elektrizität vergessen abzustellen und dies in den vergangenen regnerischen Tagen nicht bemerkt. Wegen dem warmen Wetter konnte sich vermutlich die Isolation unter dem Dach erneut entzünden. Fünf Feuerwehrleute ohne den geringsten Atemschutz versuchten mit Brecheisen die Abdeckung auf dem Dach zu heben, um das darunter schwelende Feuer zu löschen. Wahnsinn: sie arbeiteten direkt im Rauch, und zusätzlich muss man noch davon ausgehen, dass sicher irgendwo noch Asbest vorhanden ist. Und ein Grossaufgebot hätte wahrscheinlich nicht ausrücken und das Feuer zu schnell löschen dürfen, denn die zerstörte und brennende Prokuratura war ein Symbol für die beendete Regentschaft Bakijevs.

Bis zum Wochenende sind wir fast jeden Tag in die Stadt gegangen, hauptsächlich auf den Ala-Too und vor das Weisse Haus, wo sich jeweils viele Kirgisen versammelten. Am Freitag wurde eine zweitägige Trauer ausgerufen, die Getöteten wurden beerdigt und nach kirgisischer Tradition Jurten für die Toten aufgestellt, auch zwei vor dem Weissen Haus. Auf dem Ala-Too habe ich mein erstes muslimisches Gebet erlebt, als wir zufällig dort standen, und plötzlich bemerkten, dass sich alle Menschen hinkauerten. Also nahmen wir daran teil, aus Respekt vor ihrer Kultur und den Toten. Ein Teil sprach der Geistliche war auf kirgisisch, danach auf arabisch - davon haben wir gleich viel wie die Kirgisen verstanden, nämlich nichts. Am meisten beeindruckt hat mich, wie sich die Stimmung innerhalb von knappen zwei Tagen sosehr beruhigen kann, dass sogar während dem Gebet auf dem ganzen Platz mit so vielen Leuten einem Moment lang absolute Stille herrschte. Den ganzen Tag lang gab es Gebete, und immer waren viele Menschen zugegen, die den Toten gedachten und Blumen niederlegten. Am Gitter um das Weisse Haus wurden Fotos der Getöteten aufgehängt und an verschiedenen Stellen auf der Strasse mit Steinen ein Feld markiert, wahrscheinlich dort, wo Angehörige starben. Noch zwei Wochen danach waren immer Leute dort, die stehen blieben, die Fotos anschauten und Blumen niederlegten.
Wir haben während am dem 12. wieder normal gearbeitet, und auch alle Geschehnisse seither nicht direkt mitbekommen, sondern entweder über Bekannte von Bekannten gehört oder in der Zeitung gelesen. So alles normal, bis auf einen etwas veränderten Ausgang. Noch eine Woche nach der Revolution wurde uns geraten, nachts nicht auszugehen, natürlich sind wir trotzdem gegangen, aber nur noch sehr kurz - anfangs bis 22h, danach immer länger, auch bin ich zuerst immer mit dem Taxi nach Hause, danach auch mit der Marschrutka, als sie wieder normal bis 23h fuhren oder für kurze Strecken auch zu Fuss. In die Disco bin ich seither auch nicht, obwohl laut den anderen schon alles wieder offen ist, sogar Maxims Bacardi. Wer der Besitzer ist oder wer es führt, wissen wir allerdings nicht...

Das grosse Fragezeichen war Bakijew, das eigentliche Ziel der wütenden Opposition: es dauerte jeweils, bis sein neuer Aufenthaltsort bekannt war - man vermutete ihn eigentlich im Weissen Haus, dort war er aber nicht anzutreffen, als es gestürmt wurde. Entweder war er gar nicht da, oder zuvor durch einen unterirdischen Gang geflüchtet. Erst am Donnerstag meldete er sich erstmals zu Wort, er sei irgendwo im Süden Kirgistans, und er gebe unter keinen Umständen seine Macht ab. In der Frage um den Aufenthaltsort Bakijevs zeigt sich einerseits der Hass der Bevölkerung, aber auch die Uneinigkeit der Opposition: viele Leute würden Bakijev einfach töten, wenn sie Gelegenheit dazu hätten; andere forderten seine Festnahme und gerichtliche Anklage (Bakijev selbst hatte 2007 in weiser Voraussicht die Todesstrafe abgeschafft); und doch genoss er zu Beginn der Revolution noch Immunität. Am Freitag ging das Gerücht um, eine Spezialeinheit sei unterwegs in den Süden um Bakijev festzunehmen oder zu erschiessen, je nach Version. Dies wurde jedoch von der Übergangsregierung dementiert, es gebe keinen Haftbefehl, das ginge gar nicht, da die Gerichte ja geschlossen seien und erst am Montag ihre Arbeit wieder aufnähmen. Prompt drohte der Interims-Vizepräsident am Montag Bakijev mit einer gewaltsamen Festnahme, falls er nicht freiwillig sein Amt niederlege. Zeitweilig bot Bakijev Verhandlungen an, die aber von der Interimsregierung ausgeschlagen wurden, sonst lehnte er selbst ab, mit den aus seiner Sicht nicht legalen Machthabern zu sprechen. In dieser Zeit kursierten noch mehr Gerüchte und Befürchtungen als sonst; am Freitag hiess es, Bakijev würde am Samstag mit 2000 bewaffneten Anhängern in Bischkek einmarschieren. Dem war nicht so, doch dasselbe Gerücht verbreitete sich am Montag nochmals, und tatsächlich wurde anscheinend in der Nähe des Osch-Basars geschossen - allerdings ist unklar, wer dahinter steckt. Für diese Geschehnisse habe ich auch keine Bestätigungen in den Nachrichten gesehen. Zu diesem Zeitpunkt hielt er sich in seinem Elternhaus in der Nähe von Jalal-Abad auf, wo die Ablehnung der Bevölkerung nicht so gross ist wie im Norden. Lange war unklar, ob die Leute aus Osch und Jalal-Abad sowie die Polizei hinter ihm stehen oder nicht - an einer ersten Rede oder sogenannten Protestkundgebung in Jalal-Abad am Dienstag, 13. zeigte sich, dass es wohl einige Tausend sind, die Polizei sich jedoch auf keine Seite schlägt, sie sagten, sie seien „für Recht und Ordnung“. Am selben Tag verlor Bakijev seine Immunität. Und tags darauf wurde seine eine in Osch geplante Rede durch Schüsse in die Luft verhindert. Am 15. reiste er dann nach Kasachstan aus, in eine Stadt unmittelbar hinter der Grenze zu Kirgistan - was natürlich neue Ängste schürte, war er doch näher bei Bischkek als zuvor. Wahrscheinlicher aber ist, dass Kasachstan als OSZE-Vorsitzende Nation versucht hat, zwischen Bakijev und der Opposition zu vermitteln und Gespräche herzustellen, die sowohl in Bischkek wie auch in Jalal-Abad unmöglich waren. Offiziell kam es jedoch zu keinen Verhandlungen zwischen den beiden Parteien; dafür traf per Fax ein Rücktrittsgesuch Bakijevs bei der Übergangsregierung ein. Einige Tage später flog Bakijev nach Weissrussland, zunächst war das Ziel unklar, danach schien es, als hätte er das Asylangebot Weissrusslands angenommen. Dort ist er mit seinen angeblich 200 Mio. unterschlagenen Dollars sicher willkommen... Obwohl sieben Banken, unter anderem Maxims Bank, zeitweilig in Revision gehen mussten, man also kein Geld mehr beziehen konnte weil der Verdacht bestand, dass Bakijev oder seine Familie dort Konten besitzt und dieses Geld nun ausser Landes schaffen könne, ist ihm anscheinend genau dies gelungen.

Die Opposition ist ein loser Zusammenschluss verschiedener Parteien, bekannteste Person ist Rosa Otumbajeva, die schon nach dem Sturz Akijevs die Übergangsregierung angeführt hat. Ansonsten fehlt es der Opposition laut Experten an Einigkeit und profilierten Politikern, die sich als Kandidaten für die nächsten Wahlen auszeichnen würden. Die Übergangsregierung entliess als eine der ersten Amtshandlungen weltweit Botschafter, löste das Verfassungsgericht und das Parlament auf und wechselte Universitätsdekane aus. Das Steueramt ist anscheinend auch ausgebrannt und befindet sich nun in einem Einkaufzentrum. Im Zuge dieser Umstürze haben wir uns gefragt, wer denn diese ganzen Änderungen anordnet und wie sie überhaupt an die Bevölkerung kommuniziert werden. Auf mich wirkt alles relativ chaotisch, ich könnte auch nicht beschwören, dass der Polizeichef der letzten Pressekonferenz derselbe ist wie derjenige an der vorletzten. Die Übergangsregierung hat sich eine fast unmögliche Aufgabe gestellt, die sich durch ihre eigenen chaotischen Anhänger noch unmöglicher gemacht hat: Ein Land zu führen ohne Parlament, mit neuen Politikern, die sich alle noch einarbeiten müssen, mit teilweise zerstörten Regierungsgebäuden und verbrannten Akten. Da weder Miliz noch Polizei nach den Ereignissen gern auf die Strasse gingen wurde eine Bürgerwehr eingesetzt, die in den Quartieren in kleineren Gruppen patrouillierten, erkennbar an roten Armbinden aus Stofffetzen. Das Gebäude des Steueramtes ist ebenfalls unbenutzbar; das Büro befindet sich nun in einem Einkaufszentrum. Bei all diesen Veränderungen, die man irgendwo härt oder liest, fragt man sich, wie gesichert diese Informationen überhaupt sind: angenommen, jemand cleveres merkt, dass das Steueramt eine neue Lokalität braucht, und bringt als erstes ein Gerücht, Schreiben oder was auch immer in Umlauf, wo sich das Büro nun vermeintlich befinde, so könnte man durchaus, wenn auch vielleicht nur kurzfristig, relativ viel Geld machen, einfach indem man die momentane Verwirrung ausnutzt. Dasselbe wäre auch gut mit der Bürgerwehr zu bewerkstelligen. In diesem Zusammenhang kann man auch Überlegungen zu der Echtheit des Rücktrittgesuchs Bakijevs anstellen. Fast jeder hat ein Fax zuhause...

Nachtrag:
Am Dienstag, 20. haben einige hundert Leute in einem Vorort von Bischkek versucht, sich Land anzueignen, welches anscheinend Bakijev einst türkischen Bauern gegeben hat. Als sich die Bauern erfolgreich zur Wehr setzten, zogen sie weiter in die Stadt und randalierten dort, bis sie von der Polizei in ihr Dorf zurückgedrängt wurden. Dort eskalierte die Situation; aus einigen Hundert wurden mehrere Tausend Aggressoren, die während der Nacht Häuser anzündeten und fünf Menschen töteten. All dies war im Bischkeker Alltag mehr eine Randbemerkung, wahrscheinlich wäre es anders gewesen, wenn nicht während der Revolution über 80 Leute gestorben wären, und wenn es sich in der Stadt selbst abgespielt hätte. Diese Ereignisse zähle ich nicht mehr zu der Revolution selbst, sie sind mehr eine Folgeerscheinung davon, wie es möglicherweise noch mehrere geben wird.

Bischkek, 3. Mai 2010

Aufräumen auf Kirgisisch:
Man schmeisst alles, was nicht niet- und nagelfest ist, auf einen Haufen. Auf dem Vorplatz des B'Art Center bedeutet das: alle Steine, die der Hausmauer entlang liegen, auf die andere Seite des Zufahrtsweges werfen. Danach merken, dass dies irgendwie doch nicht so schön ist, und die Steine zusammen mit Laub, ausgerissenem Gras, Glasscherben und sonstigem Abfall auf einen Haufen vor des Nachbarn Haus kippen. Am Schluss noch den Sand von der Strasse fegen (die Strasse besteht aus Sand und Steinen - es kommt einfach noch mehr Sand hervor).
Mann, habe ich mich genervt! Abfalltrennung ist anscheinend ein Fremdwort. Andererseits wissen sie es einfach nicht besser, das ist schon erschreckend.

Bischkek, 21. Mai 2010

Der Süden
Fr 7. – Do 13. Mai

Kurzfristig fassten Cinzia und ich den Plan, eine Woche in den Süden Kirgistans zu fahren: per Auto nach Jalal-Abad, wo wir zwei Tage bei Christoph verbringen, dann zwei Tage in Arslanbob, und zum Schluss noch zwei Tage in Osch.

Freitag
Als Touristen verkleidet suchten wir am Freitagmorgen nach einem Share-Taxi, das uns für maximal je 1000 Som nach Jalal-Abad bringt. Schnell waren wir umringt von Taxifahrern, von denen uns etwa jeder zweite nach Osch fahren wollten, und die anderen nicht unter 1000 Som fuhren. Schliesslich fanden wir einen jungen Kirgisen, das heisst sein „Bruder“ fand uns, und nach einer Stunde Warten auf andere Mitfahrer fuhren wir für 700 Som los. Nach einer zwei Einkaufs- und einem WC-Stopp erreichten wir nach einer knappen halben Stunde die Grenze der Vororte und fuhren von da an über Hügel und Berge, durch Täler, vorbei an Flüssen, Seen, Herden verschiedener Tiergattungen, Schnee, Steinen und Gräser, auch einigen Jurten und Bauwagen. Nach etwa sieben Stunden, eine Stunde Mittagspause miteingerechnet, liessen wir die Berge hinter uns und fuhren hinab ins Ferganatal, wo wir von leuchtend rotem Mohn in den Wiesen empfangen wurden. Leider glückte kein einziges Foto.
Am Eingang von Jalal-Abad steht zuerst die Miliz, dann eine Statue, die Kurmanbek als stolzen Reiter zeigt, vor einem hohen Eingangsportal. Kurmanbek ist nicht, wie ich zuerst vermutete, Kurmanbek Bakijev, sondern ein irgend so ein anderer bekannter Vertreter der Stadt. Der erste Eindruck von Jalal-Abad war, dass wir als Ausländerinnen viel mehr auffielen – dabei trugen wir nicht einmal zu kurze Kleidung oder rauchten. Letzteres wagten wir erst einige Minuten später, als wir überlegten, dass wir wohl kaum noch mehr auffallen können und die Leute uns sowieso anschauen. Wir hatten schliesslich während unserer ganzen Reise nicht einmal Probleme, weil wir rauchten oder zu kurze Kleidung trugen. Obwohl Rauchen im Süden Männersache ist, und die meisten Frauen mindestens lange Kleidung tragen. Viele tragen auch Kopftücher, was in Bischkek eher weniger zu sehen ist. An der Vielfalt an getragenen Kopftüchern ist die Durchmischung von Ethnien gut ablesbar: Usbeken, Kirgisen und Türken, daneben auch Dunganen und Tadschiken. Dafür wohnen im Gegensatz zum Norden nur ganz wenige Russen im Süden des Landes.
Die Menschen wohnen meist in traditionellen, einstöckigen Gebäuden, die als Hausteile um einen Innenhof angeordnet sind. Nur vereinzelt sind Mehrfamilienhäuser zu sehen, die aber nicht höher als vier Stockwerke sind. Auch unser Schweizer Bekannter und seine Gastfamilie, bei denen wir unterkamen, lebt in einem dieser traditionellen Häuser – einem kirgisischen, wie der Gastbruder nachdrücklich erklärte: die Usbeken bauen ihre Häuser ähnlich, aber gegen die Strasse abgeschlossener und mit üppig verzierten hölzernen Eingangstoren und Friesen an unter den Dachrändern. Wobei sich das wahrscheinlich mit der Zeit etwas vermischt hat, gibt es doch auch an ihrem Haus diese Verzierungen. Und überall grasen Kühe.

Samstag
Der nächste Morgen begann mit einem kirgisischen Frühstück, was einem europäischen Mittagessen gleichkommt: Suppe und Fleisch. Zum Glück gibt es bei ihnen zu jeder Mahlzeit Brot; sie unterscheiden weniger zwischen der Tageszeit, als eher zwischen der Wichtigkeit des Gastes: von Suppe mit Brot über Menü mit Salat, Hauptspeise und Brot mit drei verschiedenen Konfitüren und Honig ist alles möglich. Morgens gingen wir auf den Basar, wohin auch sonst, wo wir aber statt Kleider Stempel für Lipioschka-Brote kauften. Ich glaube, die Basare in Kirgistan unterscheiden sich mehr vom Preis und der Ausstattung, aber weniger in Inhalt, Chaos, Durchmischung von Leuten und Abenteuer. Vor allem kauften wir Esswaren für die anstehende Bezwingung des Hügels von Jalal-Abad: In der grössten Hitze wagten wir uns an den Aufstieg durch die Nusswälder, bis hinauf zu einer Ansammlung von verschiedenen Heilquellen, die von leicht salzigem bis schwefelhaltigen und somit ungeniessbarem Wasser alles bietet. Dies verdankt das Gebiet, das sich Kurort nennt, einem erloschenen Vulkan. Auf dem Weg zurück in die Stadt füllten wir noch alle Flaschen, die im Haushalt zu finden gewesen waren, mit dem angeblich gesunden Wasser. Der Rückweg war eher ernüchternd als schön: Der Weg führte durch überall verstreuten Abfall, meist Plastik, auch Kadaver. Am Rand der Stadt lebten offensichtlich die ärmeren Leute, die Strasse war schlecht, die Häuser klein und ohne Schmuck.
Im Park leisteten wir uns eine Fahrt auf dem Riesenrad, die anderen drehten zwei Runden, ich war jedoch froh, dass die Metallkonstruktion aus Soviet-Zeiten nicht auseinander gefallen war und wollte mein Glück nicht nochmals herausfordern. Der Abend ist schnell erzählt: drei Heimwehschweizer suchen zwangen einen Gastbruder zum Jassen. Im Gegenzug erlernten wir dafür kirgisische Kartenspiele.

Sonntag
Wir besuchten den Flohmarkt, der entlang nicht mehr benutzten Gleise verläuft, aber an diesem Tag aufgrund der Siegesfeier vom II. Weltkrieg eher klein ausfiel. Viele Russen boten irgendwelche Werkzeuge, Kleidung und Geräte an, von denen sie selbst nicht genau wussten, ob und wie sie funktionierten. Dafür wissen wir jetzt, wie die Kirgisen das Problem lösen, wenn man nachts auf die Toilette muss.
Der 8. Mai war ein grosser Feiertag; die Familien trafen sich im Park, assen unter den Bäumen und vergnügten sich im Funpark. Aman schaute wie wahrscheinlich die Hälfte der Bevölkerung die Militärparade in Russland und deren darauf folgender dreistündiger Kommentar, während wir den Nachmittag zuhause im schattigen Innenhof mit Lesen und Kartenspielen verbrachten.

Montag
Am nächsten Morgen früh verliessen wir Jalal-Abad in Richtung Arslanbob, zuerst per Marschrutka nach Basar-Korgon und von da aus mit dem Share-Taxi weiter in die Berge. Basar-Korgon ist, wie der Name vermuten lässt, wirklich ein Basar mit einem Dorf. Der Name lässt vermuten, dass der Basar zuerst war, und sich erst danach ein Dorf gebildet hat, aber ob die Vermutung stimmt weiss ich es leider nicht. Das Taxi teilten wir mit einem älteren Herrn und einem Kirgisen, der uns die Fahrt über mit seinen weissen Zähnen anlächelte und immer wieder ein Gespräch zu führen versuchte. Natürlich wurden schliesslich die Nummern ausgetauscht.

Einschub: Verhaltensweisen und Worte aus Kirgistan, die ich in die Schweiz einführe:
• „schas“ („einen Moment“), ev. gefolgt von „sekundetschku“ oder „minutetschku“
• „spitschki“ („Zündhölzer“)
• „kapusta“ („Kohl“)
• „djevuschka!“ – auch möglich in Kombination mit „davaitje pasnakomimsja!“ (lernen wir uns kennen!)
• Esswaren vor dem Kauf mit den Händen auf ihre Qualität überprüfen – betatschen
• Esswaren auf dem Tisch betatschen und wieder zurücklegen
• über den Preis verhandeln
• Leute nach fünf Minuten Bekanntschaft nach ihrer Natelnummer fragen

In Jalal-Abad wurden wir freundlich empfangen, und man merkte recht schnell, wer viel Kontakt mit Ausländern – der CBT-Koordinator lud uns zum Mittagessen ein, und wir waren zusammen einer Bekannten eines Freundes (jaja, so läuft das hier, als Ausländer kennt man sich;-) die einzigen Frauen im Restaurant. Die anderen Besucher schauten uns neugierig an; für unsere Begleitung schien es jedoch normal zu sein, mit Frauen zu essen und behandelten uns als gleichberechtigte Gesprächspartnerinnen.
Am Nachmittag mussten wir feststellen, dass dieses Dorf riesigen Ausmasses ist, als wir den Wasserfall am Rand der Siedlung suchten und stattdessen hinter jeder Biegung ein neuer Hof erschien. Viele Kinder schauten neugierig und einige wollten auch, dass wir sie fotografieren, die Geste des Auslösens kennen anscheinend alle – so funktioniert Verständigung ohne Worte. Wir fanden schlussendlich den Weg, indem wir den meist noch leeren Souvenierständen folgten, und auch von jedem etwas kauften – Ketten oder dünne Plättchen aus Beeren, Zucker und wahrscheinlich Gelatine. Hinter dem Wasserfall stiegen wir auf die Hochebene auf, die das Dorf umgibt. Das von Usbeken bewohnte Dorf liegt am unteren Ende des Hanges in einer hügeligen Zone. Zu den Häusern gehört meist ein kleines Feld, deshalb ist die Siedlung lose über das ganze Tal verteilt. Darüber folgen in den Hängen die Walnusswälder, und auf dem Plateau wechseln sich Felder und Wälder ab. Dort sieht es ähnlich aus wie in der Schweiz.
Abends habe ich das beste Lagman gegessen, und wir spielten Karten bis wir uns während des Spiels nicht mehr an den Trumpf erinnern konnten.

Dienstag
Wir standen „früh“ auf, um eine Reittour in die umliegenden Wälder zu unternehmen. Dies war wieder einmal eine gute Entscheidung, es war wunderschön, das Wetter stand auf unserer Seite, und die Pferde beeindruckten mich einmal mehr. Ich hätte meins fast gekauft... Ah ja, und begleitet wurden wir von einem Guide und einem Jungen, angeblich der Besitzer eines der Pferde, er lief die ganze Tour über mit uns mit – zu Fuss! Nach fünf Stunden, einem Aussichtspunkt, einem Hochplateau, einem Wasserfall und einer Flussdurchquerung waren wir schon wieder zuhause und mussten recht pressieren, wenn wir zu einer vernünftigen Zeit in Osch ankommen wollten. Dort wurden wir an das schönste Gasthaus, in welchem wir je wohnten, vermittelt: wir bekamen drei 30m2 und mit usbekischen Stuckaturen und Intarsien verzierten Schlafzimmer zur Auswahl. Als wir abends auf der Suche nach einem Restaurant waren, begann es zu regnen, wobei Regen noch untertrieben war. Es goss. Ich habe in den letzten drei Monaten selten so gut gegessen wie in diesem Restaurant. Bei der Heimfahrt mussten wir feststellen, dass nicht alle Kirgisen im Süden so sprichwörtlich freundlich sind – als es ums Geld ging, konnte unser Taxifahrer ganz schön schwierig und unfreundlich tun.

Mittwoch
Unser Osch-Abenteuer begann am nächsten Morgen, wir machten eine Touri-Tour mit Spaziergang durch die Stadt, Besuch des Basars, nochmals Spaziergang durch die Stadt, diesmal auf der anderen Seite des Flusses. Den Nachmittag füllten wir mit Jassen im Café in einem Park, wo wir von neugierigen Kirgisinnen angesprochen wurden, die uns anschliessend die Stadt zeigten.

Donnerstag
Dieses Mal gabs am Morgen kein Brot, dafür Kirschen und Kirschenkonfitüre. Wir beschlossen wegen des schönen Wetters schon morgens auf den Süleyiman-Too zu gehen, anstatt in der Mittagshitze. Also spazierten wir Richtung Berg – mit dem Gesprächsthema „wirtschaftliche Entwicklung Kirgistans“. Natürlich waren wir nicht einig. Unterwegs kamen wir an der Lenin-Statue vorbei, die auf dem grossen leeren Platz vor dem Haus des Gouverneurs steht. Die Fahnen vom 8. Mai wurden gerade demontiert, was etwas komisch war, vermuteten wir doch aufgrund der am Strassenrand stehenden und wartenden Männer einen Empfang oder ähnliches. Irgendwas Wichtiges jedenfalls. Eine ältere Frau mit Grosskind sprach uns an, woher wir kämen, ob es bei uns Arbeit gäbe und ob wir nicht ihrem Sohn helfen könnten in der Schweiz Arbeit als Schreiner zu finden. Wir lehnten möglichst diplomatisch ab. Sie erzählte, der kirgisische Staat helfe ihnen als Usbeken nicht, ausserdem könne sich der ältere Sohn, weil er keine Arbeit hat, keine eigene Wohnung leisten und müsse bei ihr wohnen. Was wiederum bedeutet, dass der jüngere Sohn nicht heiraten kann, da es keinen Platz hat für eine Ehefrau.
Wir spazierten auf den Berg, was uns drei Som Eintritt kostete, von wo aus man einen grandiosen Blick über Osch hat. Dort trafen wir Thomas, einen Schweizer Journalisten, der einen Dokumentarfilm über die Hintergründe der Revolution drehte. Wir gaben einen Kommentar ab (als Schweizerinnen in Kirgistan, zur Zeit der Revolution und Bischkek und nun mutig genug, in den Süden zu reisen) – der zu dieser Zeit noch etwa so lautete: nein, wir fürchten uns nicht in Osch, da unsere Bekannten uns gesagt haben, es sei gut möglich hierhin zu reisen; die Situation sei ruhig. Dies stellte sich recht bald als falsche Einschätzung heraus. Als wir mit Thomas und seiner Begleitung, irgendeinem Regierungsmitarbeiter und dessen Nichte beim Mittagessen sassen, erreichte uns die Nachricht, das Haus des Gouvernators sei gestürmt worden (etwa eine Stunde nachdem wir dort waren) und der von der Interimsregierung eingesetzte Amtshalter durch den vorherigen, Bakijev nahe stehenden ersetzt worden. Um abends wieder zum Flughafen zu fahren, riefen wir wieder den Taxifahrer vom ersten Abend in Osch an, und prompt fragte er uns, weshalb wir ihn nicht angerufen haben, er hätte auf uns gewartet... er war echt lustig, und hatte auch seine Freude an uns...
Der Flughafen war gerade wieder offen als wir ankamen, nachdem er anscheinend kurzfristig von Demonstranten übernommen worden war. So landeten wir im gleichen Flieger wie unsere schweiz-kirgisische Bekanntschaft. Das Beste am Osch Airport ist die Gepäckabfertigung: das Gepäck wird einfach aus dem Fenster auf den Gepäckwagen geschmissen. Der Flug war wunderschön, wir flogen durch Gewitterwolken, mit Blitzen, Regen, Berge und Sonnenuntergang.


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Fragen und Kommentare

 
Kommentar von Doris M., geschrieben: 3.5.2010, 12:53 Uhr
Hoi Andrea, hier mal ein paar Zeilen auf diesem Wege: Bei uns soll vor der Fussball-WM wieder mal versucht werden, unserem Littering Meister zu werden, und zwar mittels Verteilen von roten Karten. Hoffe, bei Euch ist alles ruhig! Wir sehen/hören uns am Freitag, glg
 
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Andrea
Labour Service + in Kirgistan - Winter bis Sommer 2010

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