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| Reisetagebuch |
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Petrozavodsk, 6. Februar 2010
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Ich bin nun seit einer Woche in Russland. Die Anreise war eher katastrophal, was einerseits daran lag, dass ich übernächtigt abreiste und andererseits an den Verbindungen. Mein Flug kam um 15 Uhr in St. Petersburg an, der Zug fuhr aber erst um 22 Uhr. Kaum im Land angekommen, machte ich meine ersten russischen Erfahrungen. Ich wollte eigentlich mit dem Bus und der Metro zum Bahnhof, was mehrmals umsteigen bedeutet, aber einiges billiger ist. Ich schleppte meine 35kg Gepäck also zum Flughafengebäude raus und wurde von Taxifahrern umringt. Ich machte ihnen klar, dass ich den Bus nehme und spätestens da merkten sie, dass ich keine Russin bin. Sie wollten 1300 Rubel (43 Fr.) für die Fahrt. Angesichts der 35 kg Gepäck erschien mir das Taxi dann doch als bessere Variante. Ich sagte, ich zahle nur 800 (27 Fr.), der eine willigte ein und brachte mich zu einem Taxi. Er war nur der Vermittler. Zum Taxifahrer sagte er „devjat sot“. Erst als ich im Taxi sass, wurde mir klar, dass „devjat sot“ 900 und nicht 800 heisst. Nicht, dass es auf die 3 Fr. darauf ankommt, aber man fühlt sich doch etwas verar**** :). Der Fahrstil war katastrophal angesichts der Strassenverhältnisse und natürlich funktionierte die Gurte nicht, aber ich lebe noch ;). Am Bahnhof angekommen, wollte ich meinen Koffer einstellen, um etwas mobiler zu sein. Das gelang mir auch, allerdings musste ich dafür in Kauf nehmen, ausgelacht zu werden. Ich wollte fragen, ob ich jetzt, also beim Einstellen oder erst beim Abholen bezahlen muss. Die Leute haben mich nicht verstanden, weil sich mein Russisch in Grenzen hält und sie kein Englisch sprachen. Jedenfalls haben sie mich ausgelacht und irgendwann hat jemand gesagt, es sei für mich gratis „sale, sale, for free“. Nun musste ich noch 6 Stunden warten. Mein Handgepäck war so 12 kg schwer, weil ich meinen Laptop nicht einstellen wollte und so war ich nicht wirklich mobil. Die 6 Stunden wurden unendlich lang und ich sass einsam und weinend in einem Takeaway... :) Irgendwann erbarmte sich eine Frau und fragte, was los sei. Sie schaute mein Zugticket, das mir glücklicherweise zugeschickt worden war, denn ein Ticket zu kaufen ist ein Marathon in Russland, an und stellte fest, dass sie und ihre Freundin auf dem gleichen Zug waren. Ich durfte mich zu ihnen setzen und die eine Frau sprach sogar etwas Englisch. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden :). Sie brachten mich zu meinem Waggon und erklärten dem Schaffner, dass ich kein Russisch spreche. Das Abteil teilte ich mit zwei Männern, die natürlich kein Englisch sprachen, aber ich wollte sowieso nur noch schlafen.
Am Bahnhof wartete meine Gastmutter, die ebenfalls kein Englisch spricht, die aber sehr viel Geduld mit mir hat. Sie hat zwei Kinder, der Sohn ist in der Armee, die Tochter verheiratet und schwanger. Im Haus wohnen noch ihr Mann, ihre Eltern (die Grossmutter hat vor 50 Jahren in der Schule Deutsch gelernt und mischt immer deutsche Wörter in ihr Russisch, wenn sie mit mir spricht) und eine russische Studentin, die ich noch nie gesehen habe, weil sie meist bei ihrem Freund ist. Das Haus hat sechs Zimmer und ist damit extrem gross, selbst für Schweizer Verhältnisse. Mein Zimmer ist ebenfalls riesig und enthält alles, was ich brauche, inkl. riesigem Flatscreen-TV. Inna, die Gastmutter ist eine Art Ingenieurin, der Mann, arbeitet, glaube ich, im Büro. Ich weiss nicht, wie sie zu soviel Geld gekommen sind, aber sie sind definitiv nicht arm. Um das Haus zu kaufen, haben sie die Datscha verkauft, aber ich denke nicht, dass das reicht, um einen Neubau zu kaufen. Ich wohne am Stadtrand in einem Neubauquartier. Zur Bushaltestelle sind es ca. 15 Minuten zu Fuss. Der Bus (Marschrutka) kommt so alle 2 Minuten, was ich einfach super finde. Mit dem Bus sind es 10 Minuten und dann noch ein paar Minuten zu Fuss zur Schule. Der Unterricht, der vom Zentr Iniziativa organisiert wird, findet in einem russischen College statt. Diese Woche waren wir fünf ausländische Studenten: ein Deutscher (David), eine Nordirin, ein Engländer, eine Österreicherin und ich. Der Deutsche und ich sind in einer Klasse, die andern haben Privatunterricht. Der Unterricht dauert 3 Stunden, dazwischen eine halbe Stunde Kaffeepause. Ich glaube, dass ich eigentlich 20 Lektionen pro Woche gebucht habe und nicht 15, aber es ist ok so. David und ich sind wohl nur in einer Klasse, weil wir als Einzige Minigroup gebucht haben. Unser Niveau ist ziemlich unterschiedlich. Aber es ist halt Winter und es sind kaum andere Studenten hier, also kann meine keine Niveauklassen bilden. Der Unterricht fordert ziemlich, dazu kommen täglich 1-2 Stunden Hausaufgaben und Vokabeln lernen, wenn man es seriös macht. Aber das ist ok, viel zu tun gibt es hier im Winter sowieso nicht. Nächste Woche soll eine Finnin (oder ein Finne?) kommen, sie wird dann mit David und mir in eine Klasse gehen. David wird in einer Woche bereits wieder abreisen, die Finnin bleibt auch nur zwei Wochen. Da nicht Saison ist, ist es etwas mühsam, andere Leute kennenzulernen. Die Studenten bleiben meist nur 2-3 Wochen und die Russen sind nicht die offensten Menschen, ausserdem ist mein Russisch ziemlich schlecht. Die Irin bleibt bis Mitte April, ich bis Ende April, das ist schon einmal super. Der Unterricht sollte eigentlich von zwei bis halb 6 dauern. Wenn man am Morgen ausschläft, was man natürlich macht, wenn man erst um 2 in die Schule muss, hat man nichts vom Tag, weil es hier nur so von halb 9 bis halb 5 hell ist. Deshalb haben wir den Unterricht verschoben und beginnen nun um 10 und beenden ihn um halb 2. Das ist für mich perfekt. Die Russen können zwar nicht planen, sind dafür extrem spontan. So war es überhaupt kein Problem, den Unterricht zu verschieben. Ob nach der Finnin wieder ein Student kommt, ist noch unklar. Falls nicht, werde ich wahrscheinlich Privatunterricht erhalten. Dieser kostet pro Woche ca. 100 Franken mehr. Ich weiss nicht, ob ich den Zuschlag bezahlen muss, da es ja nicht mein Problem ist, dass keine andern Studenten hier sind. Wir werden sehen. Ich denke, ich habe in der kurzen Zeit schon einige Fortschritte gemacht, ich verstehe etwa 50%, wenn man langsam und mit einfachen Worten spricht. Die Grossmutter hat mir schon mehrfach versichert, dass ich nach 3 Monaten gut russisch sprechen werde. In der Schweiz hatte ich im Gymnasium 2 Jahre à 3 Stunden pro Woche Russisch, aber ¾ Jahre habe ich mich nicht mehr wirklich mit der Sprache auseinander gesetzt und deshalb fast alles wieder vergessen.
Abends waren wir bisher 2x in einer Bar. Die Bars hier sind eine Mischung aus Restaurant/Bar/Club. Man kann essen, tanzen oder auch nur was trinken. Das gefällt mir ziemlich. Die Marschrutkas fahren, glaube ich, so bis 11 Uhr abends, danach nimmt man ein Taxi, was so 3-4 Franken kostet vom Zentrum zu mir nach Hause. Eine Fahrt mit der Marschrutka kostet 12 Rubel, mit dem Trolleybus 15, also 40-50 Rappen.
Die Gastfamilie ist extrem nett. Bisher gab es nur einmal Probleme. Ich bin ziemlich klein und esse nicht besonders viel und vor allem nicht viel aufs Mal. Deshalb ist es öfters vorgekommen, dass ich meinen Teller nicht leer essen konnte. (Es hat hier 3 Hunde, die sich jedes Mal freuen, wenn ich nicht aufesse :).) Die Gastfamilie schloss nun darauf, dass ich das Essen nicht mag, was nicht stimmt und was ich ihnen auch gesagt habe. Jedenfalls wollte die Gastmutter mit mir einkaufen gehen und mit mir kochen, was ich mag. Ich habe abgelehnt, weil ich ihr Essen wirklich mag. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass ich mehrmals am Tag esse. Seither wird mir dauernd Essen angeboten... Ich denke, das wird sich noch einpendeln.
Eigentlich wollte ich 4 Monate bleiben: 3 Monate Schule, 1 Monat Voluntariat in einer Bibliothek. 5 Tage vor der Abreise habe ich von Dasha, der russischen Koordinatorin, ein Mail erhalten, dass das nicht möglich ist. Für Aufenthalte, die länger als 3 Monate sind, braucht man ein Studentenvisum und ein solches kann nur eine Universität beantragen. So habe ich es jedenfalls verstanden. Im Nachhinein muss ich ehrlich sagen, dass ich froh bin, dass ich nur 3 Monate bleiben kann, weil es manchmal ganz schön einsam ist hier. Aber ich bin auch erst 1 Woche hier und kenne noch fast keine Leute. Ich hoffe, das ändert sich noch. Ich werde sehr wahrscheinlich das Voluntariat streichen und 3 Monate zu Schule gehen, weil ich in 2 Monaten die Sprache nicht lerne.
Es gibt hier einen kleinen Hügel, auf dem man Ski fahren, Snowboarden und Schlitteln kann, was ich morgen ausprobieren werde. Meine Gastmutter hat mich heute schon einmal hingefahren, um mir zu zeigen, wo er sich befindet und es ist wirklich ein kleiner Hügel. Aber Hauptsache ist, dass ich Snowboarden kann. Und das mitten in der Stadt :) Heute abend soll es in den Ausgang gehen, wobei noch nicht klar ist, wohin. Ich kenne mich nicht aus und muss mich ganz auf die andern Studenten verlassen. Wie bereits gesagt, kann man hier im Winter nicht viel machen. Der See ist gefroren und so sind Sehenswürdigkeiten wie Kishi nur per Helikopter erreichbar, was sehr teuer ist. Meine Gastfamilie hat einen Internetanschluss mit einer sog. Flashcard (USB-Stick, der als Modem dient), ich habe aber von der Österreicherin, die abgereist ist, eine eigene Flashcard erhalten. Man kann sich für 1 Rubel 1 MB kaufen. Der Empfang hält sich in Grenzen, es ist z.B. nicht möglich per Skype zu telefonieren, weil man immer wieder rausfliegt. Aber um Emails zu schreiben oder im MSN zu chatten, ist es perfekt. Meine Gastmutter hat mir gestern erklärt, dass ich mir eine spezielle Simcard kaufen könne, mit der ich für 10 Rp. aufs Schweizer Festnetz anrufen kann. Mal schauen, vielleicht werde ich mir eine solche zulegen. Gleich am ersten Tag ist meine Gastmutter mit mir in den Supermarkt gefahren und hat mir eine Simcard gekauft und mir ein Handy gegeben, damit sie und Dasha mich immer erreichen können und umgekehrt. Gleich am nächsten Tag war ich froh darum. Ich stand pünktlich vor der Schule, aber die Tür war verschlossen. Irgendwann hat Dasha angerufen und mir gesagt, ich müsse einen andern Eingang nehmen, weil es zu kalt sei, um alle Türen zu öffnen. Ohne Handy würde ich wohl noch immer dort stehen :) Der Unterricht findet übrigens in jenem Gebäude des Colleges statt, indem die russischen Schüler Musikunterricht haben. Deshalb hört man öfters mal Instrumentenklänge, die die Konzentration nicht gerade fördern. Aber es ist nicht so schlimm und auch mal ganz entspannend :)
Ich empfehle, eher im Sommer nach Petrozavodsk zu reisen. Im Januar war es lange -20 Grad. Letzte Woche war es warm, am Tag zwischen -10 und -1 Grad. Nächste Woche soll es wieder kälter werden, aber nicht sooo kalt. Die Gastmutter wollte mir noch einen Mantel besorgen, weil meine Jacke nicht warm genug sei. Bisher hatte ich immer warm genug, aber eben, es war noch nicht wirklich kalt. Die Räume sind gut geheizt, es ist überall 20-23 Grad, also eher sehr warm.
Ich denke, es wird hier manchmal ziemlich einsam werden, aber trotzdem wird es mir gefallen, denn ich bin sicher, ich habe die beste Gastfamilie in ganz Petrozavodsk :). |
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Petrozavodsk, 1. März 2010
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Ich bin nun seit einem Monat hier, das heisst, ein Drittel meines Aufenthalts ist bereits vorüber. Es hat sich nicht viel verändert, ausser dass ich mich inzwischen ziemlich gut eingelebt habe. Meine Gastfamilie kümmert sich immer noch rührend um mich, worüber ich wirklich froh bin. Von den andern Studenten habe ich gehört, wie es bei ihnen zu Hause zugeht. Die Irin muss grundsätzlich selbst einkaufen und kochen, obwohl sie Halbpension gebucht hat, weil die Mutter arbeitet. Die Finnin (die übrigens den Aufenthalt verlängert hat und nun einen Monat hier ist, also noch diese Woche) erhält am Wochenende kein Mittagessen und wohnt im Zimmer der Gastschwester, die nun im gleichen Zimmer und Bett mit den Eltern schläft, weshalb sich die Finnin natürlich bedingt wohlfühlt und sich manchmal eher als störend vorkommt. Das System in der Schule ist, dass die Lehrperson alle zwei Wochen wechselt. Das soll dazu dienen, dass man nicht nur eine Person Russisch sprechen hört. Ich bin noch nicht wirklich überzeugt davon, denn ich befürchte, dass ich immer wieder von vorne anfangen werde. Ich hatte bisher also zwei Lehrerinnen. Die zweite ist viel strenger als die erste, was für mein Russisch natürlich gut ist. Sie spricht fast kein Englisch, dafür Deutsch. Wenn wir ein Wort nicht verstehen, sagt sie es auf Deutsch, ich übersetze es für die Finnin auf Englisch und sie schreibt es sich auf Finnisch auf. Ich zweifle, dass die finnische Version mit der russischen noch etwas zu tun hat... ;) Wir benützen ein Buch, das die Leute vom Zentr Inizativa selbst entworfen haben. Es befindet sich noch in einer Pilotphase und wird erst seit letztem Sommer eingesetzt, weshalb es noch viele Fehler enthält. Es gibt vier Bücher für vier Levels: Basis, Elementar, Zertifikat 1 und 2. Vor meiner Anreise musste ich einen Test absolvieren und bin im Elementar-Level eingestuft worden. Das Buch entspricht meinem Level perfekt. Es ist allerdings nur auf einen Monat ausgelegt, weshalb wir es nun durch haben. Für das Zertifikat 1 Level bin ich wohl zu schlecht und es wird sich nächste Woche zeigen, wie es weitergeht.
Vor einer Woche habe ich meinen ersten (und hoffentlich letzten) russischen Frost erlebt: Die Temperaturen gingen auf bis zu -31 Grad nachts und -29, 30 tagsüber runter und ich verstehe nun, weshalb wirklich jeder Russe einen Fellmantel besitzt. Ich hielt das ja für ein Klischee, aber zumindest für Petrozavodsk trifft es zu. Zum Glück war das Ganze nach ein paar Tagen überstanden. Inzwischen hält der Frühling Einzug, in den letzten zwei Tagen war es am Tag sogar +1 Grad. Deshalb taut alles und die Strassen gleichen Seen, was laut Gastmutter sehr mühsam werden wird, aber im Moment geniesse ich es einfach nur. Gegen das Wochenende soll es wieder auf -10 runter gehen, aber -10 sind bei entsprechender Kleidung völlig okay.
Wenn man z. B. im Laden etwas nicht versteht, reagieren die Leute sehr ungeduldig, aber das sei so, weil es hier kaum Ausländer gibt und sich die Leute den Umgang mit nicht-russisch sprechenden Leuten nicht gewohnt sind. Die zweite Lehrerin unterrichtet eigentlich an der Universität und letzte Woche hat sie die Finnin und mich dorthin mitgenommen. Wir wurden in den Deutschunterricht eingeladen und plötzlich fand ich mich vor versammelter Studentenschaft wieder. :) Ich habe es bereits im ersten Post geschrieben, Russen können nicht planen, sind aber extrem spontan, weshalb der Unterricht umgekrempelt wurde und ich zum Specialguest wurde. Wir haben dann einige Studentinnen kennengelernt, die allerdings ziemlich jung sind, so 17/18. Trotzdem haben wir unsere Nummern hinterlassen und das eine Mädchen hat sich auch gemeldet und wir gingen am Wochenende zusammen bowlen. Ich kenne kaum Russen hier und spreche viel Englisch mit den andern ausländischen Studenten (wir sind noch 3), deshalb möchte ich unbedingt mehr Russen kennenlernen. Ich habe zwar schon einige Fortschritte gemacht mit der Sprache, aber ich habe zu wenig Zeit, um Vokabeln zu lernen, weil ich es dann doch bevorzuge, am Abend auszugehen. Wie bereits im ersten Post geschrieben, kann man hier im Winter nicht besonders viel machen und ich habe bestimmt schon 10x gehört: Im Sommer ist hier alles schöner, du solltest im Sommer wiederkommen... Die Volunteers, die eigentlich für unsere Unterhaltung zuständig wären, sind grösstenteils Stundenten, die während dem Semster keine Zeit haben. Man hat mir gesagt, dass im Sommer jeden Tag eine Aktivität stattfindet. Im Moment ist es so, dass man vielleicht an drei Tagen pro Woche etwas vorgeschlagen bekommt, man dorthin jedoch alleine gehen muss. Meist sind es Dinge wie eine Liveband in einer Bar, was man auch selbst im Internet nachschauen kann. Ich war bereits vier Mal im Kino hier, drei amerikanische und ein russischer Film. Bis auf einen (amerikanischen) habe ich sie gut verstanden, ich konnte der Handlung ziemlich problemlos folge, aber bei handlungsfreien Dialogszenen bin ich aufgeschmissen. :) Weiter sehe ich oft fern, vor allem mit der Gastfamilie zusammen. Der Fernseher nimmt in jeder russischen Familie einen zentralen Platz ein, habe ich mir sagen lassen und zumindest auf meine Familie trifft es zu. Es sind auch oft Gäste zu Besuch, was auch daran liegt, dass wir hier eine Sauna haben. Die Gäste versuchen natürlich mit mir Russisch zu sprechen, aber auch sie sind sich den Umgang mit Ausländern wenig gewohnt und ich muss immer sagen: Sprechen Sie bitte langsamer! Wiederholen Sie es bitte! Zumindest diese Sätze kann ich inzwischen im Schlaf. ;) Das Klischee der russischen Gastfreundschaft ist übrigens ebenfalls wahr, zumindest was Gäste bei sich zu Hause anbelangt. (über die Läden und Co. habe ich ja geschrieben) Die Gäste bekommen jedes Mal Unmengen an Speisen aufgetischt und natürlich darf auch der Vodka (bzw. Wein, Balsam, etc.) nicht fehlen. Dieses Klischee ist leider auch wahr, man sieht hier am helllichten Tag (und bei Minusgraden) Alkohol trinkende Leute auf der Strasse, obwohl das verboten ist. Auch in meiner Gastfamilie steht immer irgendwo eine Flasche Hochprozentiges rum, sie sind allerdings nie betrunken, weshalb mich das nicht stört. Weiter kann man über die Russen sagen, dass sie Feiertage lieben. Es wird fast jede Woche etwas gefeiert, allerdings sind die meisten Feiertage nicht wichtig. Die einzigen wichtigen Feiertage während meinen drei Monaten sind der Tag der russischen Armee (23. 2.) und der Internationale Frauentag (8.3.). Am Tag der russischen Armee feiert man die Soldaten und allgemein die Männer. Ich musste allerdings an diesem Tag in die Schule und habe somit nicht viel davon mitbekommen, ausser dass die Tochter und ihr Mann zu Besuch waren.
Wie gesagt, wird die Finnin am Wochenende abreisen. Ich hoffe wirklich, dass ein neuer Student kommt, da ich befürchte, dass ich mich mit der Zeit langweilen könnte. Im Moment gefällt es mir wirklich gut und ich hoffe, dass das so bleibt und ich die Sprache noch besser lerne. |
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Petrozavodsk, 10. April 2010
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Mein Aufenthalt neigt sich dem Ende zu, also ist es Zeit, noch einmal von meinem Leben hier zu berichten. Drei Monate sind eine lange Zeit, drei Monate in Russland eine Ewigkeit. Seit einem Monat sind wir nur noch zu zweit in der Schule. Da wir uns auf unterschiedlichen Niveaus befinden, haben wir Privatunterricht. Dieser kostet doppelt so viel wie Gruppenunterricht, weshalb das Geld, das ich via Gus-Schweiz bezahlt habe, nicht reicht und ich ziemlich viel nachzahlen muss. Es gibt eine Klausel im Vertrag, den ich nie selbst unterschrieben habe, die besagt, dass man Privatunterricht nehmen muss, wenn keine andern Studenten hier sind. Das wurde meiner Meinung nach zu wenig klar kommuniziert, aber ich hätte mich auch selbst informieren können, es steht, glaube ich, auf der Homepage der Schule (www.enjoy-russian.com). Der Privatunterricht ist anstrengend, aber er lohnt sich. Man lernt auf jeden Fall mehr als doppelt so viel als im Gruppenunterricht, weshalb ich ihn nur empfehlen kann, auch wenn die (akademische) Stunde 10 Euro kostet. Ich habe im letzten Beitrag geschrieben, dass ich am Lehrerwechsel-System zweifle und die Zweifel haben sich leider bestätigt. Die zweite Lehrerin, Natascha, hatte ich zum Glück einen Monat. Sie war bisher die beste Lehrerin, sie kümmerte sich auch um meine persönlichen Anliegen. So lernten wir extra Wörter, die man beim Coiffeur braucht und die Frisur ist tatsächlich so rausgekommen, wie ich sie wollte. :) Ein anderes Mal repetierten wir die Wörter rund um den Zug und Natascha begleitete mich zum Bahnhof, um das Rückreiseticket zu kaufen. Sie hatte keine Zeit, mit mir zu warten, denn typisch russisch steht man eine halbe Ewigkeit in der Schlange (in meinem Fall über eine Stunde), also kaufte ich das Ticket schliesslich doch alleine, was aber dank Nataschas Vorbereitung problemlos klappte. Mit ihr machte der Unterricht richtig Spass. Weil wir das erste Buch durch hatten, musste sie alle Lektionen selbst vorbereiten und sie waren immer sehr nützlich und meinem Niveau entsprechend. Nach einem Monat bekam ich eine neue Lehrerin, die jedoch nach zwei Wochen spontan wegzog. Natascha hatte mir noch gesagt, dass das Buch fürs erste Zertifikat immer noch zu schwierig sei und am nächsten Tag kam die neue Lehrerin mit genau jenem Buch. Es ist tatsächlich ziemlich schwierig und ich investiere Unmengen an Zeit, um die ganzen Wörter zu übersetzen. Inzwischen habe ich schon wieder eine neue Lehrerin: Oksana. Das grosse Problem ist, dass die Lehrer im Zentr Initiativa meist noch andere Jobs haben und nur auf Abruf arbeiten. Im Sommer, wenn die Russen 3 Monate Ferien haben und im Zentr Initiativa Hauptsaison ist, arbeiten viele Lehrer dort. Im Winter sind es gerade mal drei, von denen die eine ja weggezogen ist. Die andern zwei hatte ich bereits und es ist unschwer zu erkennen, dass somit kein Lehrer mehr für mich da war. Also musste Dasha jemand Neues suchen. Sie hat Pan, dem Englischlehrer, gesagt, dass ich froh sein könne, dass sie überhaupt jemanden gefunden hat. Besagte Oksana ist im Gegensatz zu den andern Lehrern ziemlich alt. Sie unterrichtet eigentlich an einer Schule für „talentierte Kinder“ und hat meines Wissens nach kaum Erfahrung im Unterrichten von fremdsprachigen Schülern, was man merkt. Sie schafft es nicht, so zu sprechen, dass ich sie verstehe und ihr Unterricht ist viel zu schwierig für mich. Das ist nicht gerade motivationsfördernd und ziemlich sinnlos. Ausserdem hat Oksana nur zu unmöglichen Zeiten Zeit und so habe mich mal morgens, mal mittags, mal abends und grundsätzlich am Samstag statt am Montag Schule. An meinem ersten Schultag bei ihr hatte sie nichts vorbereitet und erst am vierten Tag habe ich die Fortsetzung des Buches erhalten (aus unerfindlichen Gründen hatte man mir nur die erste Hälfte des Buchs gegeben). Das ist nicht nur ihre Schuld, sondern liegt auch am allgemeinen Organisationschaos, aber trotzdem ist es nervig.
Es gibt inzwischen gar kein Programm mehr von der Schule aus, da es sowieso meist sinnlos war. Zum Beispiel: Freitagabend: Going to the cinema. Wenn man fragt, wann wie wo, heisst es: Du kannst alleine hingehen, es gibt keine Volunteers. Deshalb habe ich ziemlich viel Freizeit. Dasha hatte vorgeschlagen, dass ich Volunteer-Arbeit leisten könne und zwar in einem Kinderhort. Also bin ich dahin gegangen und es stellte sich heraus, dass das ganze irgendwie von der Kirche organisiert wird. Jedenfalls wird ständig gebetet. Die Kinder kommen aus schwierigen Verhältnissen, deshalb ist es an und für sich ein gutes Projekt, aber ich habe ziemlich Mühe mit dem doch extrem religiösen Charakter des Ganzen. So sind wir am ersten Tag auf eine Exkursion gegangen: Wir spazierten zu einer Kapelle. Am Samstag darauf gingen wir Langlaufen. Das war ziemlich lustig, weil ich ewig nicht mehr auf Langlaufskis gestanden habe. Die eine Mitarbeiterin sagte beim Abschied, dass sie mich anrufen werde, was sie jedoch nie tat. Und so beschränkte sich meine Arbeit auf einen Kennenlerntag und erwähntes Langlaufen. Inzwischen würde ich auch nicht hingehen, wenn sie aus heiterem Himmel doch noch anriefe, weil ich mich daran gewöhnt habe, nach der Schule erst mal auszuspannen und ich sowieso nie wirklich von der Sache überzeugt war. Die andere Studentin hat selten Lust, etwas zu machen und wenn wir doch einmal abgemacht haben, versetzt sie mich jedes zweite Mal. Mein grösstes Problem hier ist also der Kontakt zu Gleichaltrigen, da das Volunteer-System völlig versagt und es nur eine andere Studentin gibt. Das habe ich Dasha auch gesagt. Kaum eine Woche später schrieb sie in den News, die sie jeweils auf Facebook und der Homepage veröffentlicht, dass ich unglaublich beschäftigt sei und mir die die Schule kaum Freizeit liesse. Solche Vorkommnisse sind nicht nur unprofessionell, sondern auch beleidigend, da ich mich nicht ernst genommen fühle. Ausserdem lesen zukünftige Schüler das, denken, dass hier im Winter viel los ist und kommen hierhier. Ich bin überzeugt, dass Petrozavodsk eine lebendige Stadt ist, nur halt nicht im Winter.
Natürlich gibt es hier auch schöne Dinge. So hat uns ein Schüler des Englischlehrers zum Kivatch gefahren, das ist ein Wasserfall in der Nähe und eine der wenigen Sehenswürdigkeiten, die man auch im Winter besuchen kann. Ein weiteres Highlight war mein Finnlandwochenende. Ich habe ja geschrieben, dass ich mit einer Finnin (Anni) in die Klasse ging und wir haben fast die gesamte Freizeit zusammen verbracht. Bevor sie abreiste, hat sie mich zu sich nach Finnland eingeladen. Ich habe zum Glück ein multiple-entry Visa, da ich eventuell zwischendurch noch einen Monat in die Ukraine gehen wollte, was ich jedoch dann doch nicht machte. Es gibt so Taxis, die einen für den Spottpreis von 35 Euro nach Finnland fahren. Also organisierte mir Dasha ein solches und ich fuhr nach Joensuu, Finnland, zu Anni. Ich war wohl die erste Schweizerin an diesem Grenzübergang, es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Zöllner mich durchliess. Der finnische Zöllner sprach interessanterweise Russisch mit mir. Zum Glück hatte er keine Fragen, denn der Fahrer hatte uns eingeschärft, uns als Verwandte auszugeben, denn die Taxifahrt war illegal. Finnland war einfach nur genial. Wir gingen shoppen, gut essen, an ein Konzert, in einen Club, kurz: Wir taten all jene Dinge, die ich in Russland vermisse. Ausserdem verbrachten wir einen Tag auf der Datscha von Annis Eltern und gingen Eisfischen, was auf jeden Fall ein Erlebnis war. Die Landschaft sieht genau aus wie Karelien, nur sind die Häuser und vor allem die Strassen in einem guten Zustand. Ich erlitt also mal wieder einen Kulturschock, nur diesmal im positiven Sinn. :) Die Rückreise verlief nicht ganz so reibungslos, weil mich der Fahrer ewig nicht anrief und dann ziemlich spät doch noch auftauchte. Am Zoll musste ich wieder lange warten, aber es klappte schliesslich alles.
Ein weiteres lustiges Erlebnis, über das ich erst im Nachhinein lachen kann, war folgendes: Ich sass da so gemütlich zu Hause und löffelte meine Suppe. Plötzlich entdeckte ich, dass etwas darin schwamm. Ein Knochen. Nichts besonderes, da meine Gastfamilie das Essen meist von Grund auf selbst zubereitet, also die Fische ganz kauft und so. Ich wollte den Knochen rausnehmen, da entdeckte ich, dass daran Krallen waren. Ein Hühnerfuss! Ich hätte schreien können. Ich habe mich daran gewöhnt, dass mich Grossvaters Gebiss mein Morgenessen anlächelt oder mich tote Fische beim Nachtessen beobachten, aber ein Hühnerfuss in der Suppe brachte mich doch an kulinarische Grenzen. :D Allgemein habe ich das Essen in der Gastfamilie langsam gesehen. Es gibt immer Spaghetti, Reis oder Kartoffeln und immer in der gleichen Form und ohne Sauce. Dazu gibt es Fisch samt Gräten oder Poulet (das ich seit dem Hühnerfuss-Erlebnis nicht mehr sehen kann), manchmal als Vorspeise Suppe und selten Salat. Über Mittag esse ich meist in der Mensa der Universität, weil es dort wirklich billig und geschmacklich okay ist. Ich glaube, ich darf dort nicht wirklich essen, aber die Security-Leute sitzen nur zur Zierde am Eingang und es kümmert niemanden, wenn ich täglich dorthin gehe. Was ich in ganz Petrozavodsk nicht gefunden habe, sind Spaghetti mit Tomatensauce. Ich weiss nicht warum, aber das kriegt man hier einfach nicht. Dafür trinke ich regelmässig Mors, russischen Beerensaft, der einfach nur köstlich schmeckt. Russischer Wein ist sehr süss, weshalb ich ihn sehr mag. Natürlich habe ich auch das ein oder andere Mal Vodka getrunken und gestern habe ich das erste Mal die Lokalspezialität probiert: karelischer Balsam. Balsam hat mindestens 40 Prozent, meist etwas mehr und besteht aus allem, was sich hier findet: diverse Kräuter, Beeren, etc. Er ist ziemlich fein, wenn man bedenkt, dass hochprozentiger Alkohol meist eklig und nur nach Alkohol schmeckt. Balsam hingegen ist süss und brennt kaum in der Kehle.
Mit meiner Gastfamilie verstehe ich mich noch immer gut. Es ist nicht so, dass sie sehr engagiert wären und mich zu Sehenswürdigkeiten fahren würden (ich habe nur von einer Gastfamilie gehört, die das macht), aber sie sprechen abends mit mir, kochen und waschen sogar meine Wäsche. Wenn ich Russen kennenlerne und die mich fragen, wo ich wohne, sage ich meist „in der Nähe des Sigma“, das ist ein „Gipermarket“, der sich zwischen meinem Quartier und einem Plattenbauquartier befindet. Die Leute gehen dann automatisch davon aus, dass ich in jenem Plattenquartier wohne. Es ist mir unangenehm, wenn sie hören, dass ich in diesem riesigen, neuen Haus wohne, da ich genau weiss, unter welchen Bedingungen die meisten Russen leben. Aber natürlich bin ich extrem froh, dass ich hier wohne mit allen Vorteilen, die ich geniesse. Wir trinken zum Beispiel Tee aus Quell- statt gelb-grünem Seewasser, haben eine Sauna, mehrere Balkone, riesige Räume, einen grossen Garten usw.
Auch in Russland hat der Frühling Einzug gehalten. Der Schnee ist grösstenteils geschmolzen, was vorübergehend zu riesigen Pfützen und Schlamm auf den Trottoirs geführt hat. Es hat seit Tagen nicht mehr geschneit oder geregnet, deshalb sind die Strassen nun trocken, aber schmutzig. Einerseits sind sie staubig und dreckig, andererseits ist der ganze Müll zum Vorschein gekommen, denn die Leute über den Winter in den Schnee geworfen haben. Natürlich ist kein Geld da, um den Müll einzusammeln, ich habe allerdings gehört, dass das die Kinder im Rahmen der 1. Mai-Feierlichkeiten tun werden. Jedenfalls hat mir die Stadt mit Schnee besser gefallen, aber natürlich freue ich mich über anhaltende Plusgrade tagsüber und im Moment sogar nachts.
Es ist noch zu früh, um ein abschliessendes Fazit zu ziehen, aber bisher kann ich sagen, dass die erste Hälfte meines Aufenthalts super war. Danach kamen die ständigen Lehrerwechsel, die Abreise Annis und ich habe es einfach langsam gesehen. Man muss dazu sagen, dass ich mit einer unglaublichen Naivität und der Vorstellung, dass der europäische Teil Russlands irgendwie europäisch ist, abgereist bin und deshalb den Kulturschock nie ganz überwunden habe. Ich freue mich, bald wieder nach Hause zu fahren und werde die letzten zwei Wochen noch so gut wie möglich geniessen. Am Montag wird endlich wieder ein neuer Student kommen, am Dienstag reist die Irin ab. Ich bin also nie die einzige Schülerin hier. :) |
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Marisa
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