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Sylwia und ich - Wandersonntag ins Alamedin-Tal Tico-Transport in Jalal-Abad Kinder in Arslanbob Feierabend Schneeherz_Chong Kurchack Friedhof in Chong Kurchack… zukunftige Ferienhäuschen? Trekking-Trip nach Chong Kurchack Charaol Döbö_Dorf
Andrea im Knopfladen :-) Cholpon, Akjibek, Andrea, Cinzia Die Fleischabteilung auf dem Alamedin Basar Narooz 2010 auf dem Ala Too-Platz Zwei Hoschies am Nooruz! Überbleibsel EURO 2008 mit Sowjet-Achterbahn in Jalal-Abad Andrea und ich vor dem Toktogul-See Felicia – ein Werbeplakat in Bischkek
Diana – ein Blumenladen? In Jalal-Abad fotografiert! Ala Too_Sonnenuntergang Beka mit Hut Mohnfelder nahe Jalal-Abad Jungs in Arslanbob Einfahrtstor zu Jalal-Abad Unfertiger Sowjetbau in Osch Osch vom Suleiman-Hügel aus gesehen Jungs Eseli in Arslanbob (speziell für Linda)
Andrea und ich hoch zu Ross! Wallnussfelder in Arslanbob Wunscherfüllungs-Fetzen, die darauf warten, vom Wind weggetragen zu werden. Sonnenuntergang auf dem Riesenrad Post-Turm Uhr und zwei verschiedene Zeiten! :-D Charaol Döbö_Marschrutka Burana Turm ausserhalb von Tokmok Eisbahn mitten im Zentrum Typischer Baustil
Hof Art Center Exhibition Hall Art Center Innenhof_Art Center Innenhof_Art Center Schifahren Berge_Schifahr-Sonntag Zwei Marschrutkas Gefrorener Bergsee Zwischenhalt_Ausflug
Express Bischkek-Chong Kemin Meine Reisepartnerinnen nach Chong Kemin Drei Pferde_Charaol Döbö Osch Basar - Stoffverkäuferin Nooruz auf dem Ala Too Baby auf Kamel_Nooruz 2010 Erkendik-Park in März-Schnee Sowjet-Pins Nooruz 2010 auf dem Ala Too-Platz
Valentinas Geburtstag mit Wodka und Lipioschka alter Wagon Ich mit Filzmütze Schirdak – Kirgisischer Filzteppich Dorf Charaol Döbö_Schafe Chong Kemin Tal Busbahnhof Ost in Bischkek
Reisetagebuch
Bischkek, 20. Februar 2010

Hier mein erster Reisebericht. Schwierig, womit beginnen soll. Die Zeit, die ich hier verbracht habe, erscheint mir nicht wie sechs Wochen sondern sechs Monate. Was in meinen Augen selbstverständlich ist, ist für andere neu und interessant. Es gibt viele Dinge, die hier anders funktionieren oder nicht in der Form existieren, wie ich es von der Schweiz kenne. Bischkek ist aber im Vergleich zum Rest von Kirgistan sehr modern und man muss kaum auf etwas verzichten hier. Meine Begeisterung steigt mit jedem Tag, den hier ich verbringe. Die Stadt ist aktiv und interessant, ständig lernt man neue Leute und Umstände kennen.

Angekommen bin ich Mitte Januar. Ich wurde von einem Volonteur, der zu der Zeit hier gearbeitet hat, abgeholt. Er hat mir alles gezeigt und erklärt, anders ist man hier schnell aufgeschmissen. Ich bin mit der Schweizer Organisation "Schweiz GUS Jugendaustausch" hierher gekommen, welche mit dem Bischkek Art Center zusammenarbeitet. Mein Plan ist es, sechs Monate als Freiwilliger im B'Art Center zu arbeiten und danach zu reisen.
Als erstes habe ich mit Valentina gelebt. Sie ist etwa sechzig Jahre alt und ist Mitglied der "Babuschka Adoption", einer Organisation, welche ältere Frauen in Bischkek unterstützt. Sie hat mir russische und kirgisische Gerichte gekocht und war fast die ganze Zeit Zuhause. Als Anlaufstelle hier war sie perfekt. Aber mein Drang zur Selbständigkeit hat mich nach vier Wochen in eine Wohngemeinschaft gelockt, wo ich jetzt mit zwei kirgisischen Geschwister zusammenlebe.
Auch meine Russisch-Kurse nehme ich bei einer Babuschka. So nenne ich die Frauen, die der "Babuschka Adoption" angehören. Der Kurs findet bei ihr Zuhause statt. Da sie nur Russisch spricht, gibt es Tage, die mich an den Rand meiner Kapazität bringen. Die Regeln sind zum Teil in Deutsch erklärt schwer genug, wie soll man es denn auf Russisch verstehen? Das Vokabular klang für mich anfangs alles ähnlich. Nichts ist unmöglich, ich kann jetzt schon ein wenig verstehen und einfache Sätze formulieren, auch wenn sie grammatikalisch überhaupt nicht stimmen.

Das B'Art Center arbeitet im Kunstbereich, organisiert Ausstellungen und hilft, den Künstlern eine Plattform zu bieten, um die Bilder zu verkaufen. Es befindet sich ein einem Komplex aus der Sowjetzeit, in welchem über 70 Kunstateliers untergebracht waren. Diese Ateliers wurden zu einem Spottpreis verkauft, damit sie nicht leerstehen. Nicht alle, doch ein paar dieser Ateliers werden aktiv zur Kunstschaffung genutzt. Die Kunst lehnt sich teils an die alte Nachfrage (Landschaftsbilder, Portraitmalerei, Oel und Acryl), teils wird aber auch abstrakt gearbeitet.
Zurzeit befindet sich hier ein Schweizer, der versucht, mit einem Businessplan ein bisschen Struktur in diese Organisation zu bringen. Was ein riesiges Projekt ist. Es gibt kein wirkliches Konzept oder Ziel, die Führung und alle Kontakte laufen über den Direktor. Über das Jahr werden mehrere Projekte realisiert, welche von verschiedenen Sponsoren ermöglicht werden.

Seid ich hier bin, habe ich schon zwei Ausflüge unternommen. Das erste Mal war ich mit dem anderen Volonteur von hier und einem Künstler von Bischkek drei Tage unterwegs. Wir liefen über einen gefrorenen Bergsee, danach fuhren wir mit seinem Auto bis zum Haus seiner Grosseltern. Dort konnten wir übernachten. Am nächsten Tag haben wir Patronen und Waffenteilchen in den Hügeln gesucht, wo sie zu Sowjetzeiten Tests gemacht haben. Zum Teil habe ich auf einem Quadratmeter fünf bis zehn Patronen gefunden.
Das zweite Mal war ich Schifahren mit deutschen Volonteuren und vier Kirgisern. Die durchschnittlichen Leute von hier fahren nicht Schi, da es zu teuer ist. Somit existieren auch keine grossen Schigebiete hier, die Lifte sind Auslaufmodelle aus Europa. Es war wirklich lustig mit diesen dieselbetriebenen Schiliften zu fahren. Oben am Schilift sitzt einer, der mit einem Hebel den Lift ein- und ausschaltet.

Die Leute hier verdienen oft sehr wenig, genug um sich eine Wohnung mit anderen zu teilen und alle Ausgaben für einen Monat zu decken. Ein Auto und Ferien, Ausflüge und Genussmittel sind Luxusprodukte. In diesem Land herrschen grosse Unterschiede zwischen Arm und Reich, Land und Stadt, Bildung und Unwissenheit, Organisation und Korruption. Es fasziniert mich, hier zu leben, in die Kultur einzutauchen um die Menschen, die hier aufwachsen, zu verstehen. Stellt man sich vor, jemand würde unsere Schweiz nicht kennen, was für ein Gefühl das ist, in einem Teil der Welt aufzuwachsen, den die meisten nicht kennen.

Cinzia, 20. Februar 2009

"Fleisch oder Huhn?", 1. März 2010

Was ich wirklich witzig finde hier in Kirgistan, dass man in der Sprache merkt, wie wichtig das Fleisch für sie ist. Im Russischen gibt es zwei verschiedene Wörter für Fleisch vom Rind/Lamm... und Huhn oder Fisch.
Wenn man also an einem Strassenstand irgendetwas zu essen kauft, fragen sie immer: "Fleisch oder Huhn?"

Bischkek, 3. März 2010

Die Leute gefallen mir. Alle sind immer chic angezogen, die Kleider sind sauber und ich hab noch keinen einzigen Hippie gesehen. Das existiert hier einfach nicht, so kann man nicht auf die Strasse. Meine alte Schijacke, die hier trage, ist an der Seite kaputt und dort, wo sie einmal weiss war, ist sie braungrau gemustert. Gestern hat Cholpona das gesehen und ist erschrocken: Warum ist deine Jacke so dreckig? Warum wäschst du sie nicht? Ich hab gesagt, dass das doch keine Rolle spielt, sie gibt ja immer noch warm und ich brauche sie nur noch so lange es kalt ist und dann verschenk ich sie. Sie hat mir angeboten, meine Jacke zu waschen. Such bei uns mal jemand, der dir freiwillig deine dreckige Jacke wäscht! :-) Ich hab ihr dann noch den zerrissenen Teil gezeigt und sie war schockiert. Ich hab dann so lachen müssen. Sie hat mich gefragt, ob in der Schweiz alle so herumlaufen. Ich hab dann an all meine Freunde gedacht und gesagt: Ja, klar. Bis alles zerrissen und zerfetzt ist. Nein Scherz. Meine Entschuldigung war lediglich, dass sie es bis jetzt ja auch noch nicht bemerkt hat (sechs Wochen lang) und die Leute auf der Strasse sehen mir jeden Tag für zehn Minuten.
Bei uns spielt es keine grosse Rolle, viele ziehen sich auch so an, um den individuelle Stil zu unterstützen. Ausser man arbeitet in einer besseren Position. Hier ist die individuelle Person noch nicht geboren. Ich habe bis jetzt möglicherweise zwei oder drei Leute gesehen, die ihre Haare gefärbt haben oder sonst schräg herumlaufen. Es gehört sich einfach nicht. Um das zu verstehen, muss man weit zurückgreifen. Die ganze Angelegenheit mit Freund, Heiraten, Jungfrau sein, Schminken, Tanzen, in der Öffentlichkeit schmusen… funktioniert hier nach anderen Regeln und Verhaltensmustern.
Ein Freund von mir läuft ebenfalls mit geflickten Sachen rum. Seine Jeans besteht quasi nur noch aus zusammengenähten Stoffvierecken. :-) Sein kirgisischer Mitbewohner hat ihn gefragt, warum er sich nicht neue Hosen kauft. Zur Antwort bekam er, dass es doch nicht so wichtig sei und man das Geld auch für anderes ausgeben könne bis die Hose wirklich nicht mehr tragbar ist. Er hat dann gemeint, er würde ihn einfach mit auf den Basar nehmen, ganz einfach.
Das gefällt mir, dass die Leute so sind. Seid ich mir über mein Erscheinen in der Schijacke bewusst bin, schäme ich mich fast ein bisschen. :-D

Ausflug nach Chong Kemin und Tokmok, 8. März 2010

Mein Wochenende in Chong Kemin und Tokmok

Ganz spontan haben Elise, Andrea, Cicilia, Alice und ich entschieden, nach Chong Kemin zu fahren. Elise hat das alles in die Wege geleitet. In ihrem Reiseführer stand, dass in einem Dorf in diesem Chong-Kemin-Tal ein CBT-Gästehaus ist. Wir haben uns also am Samstagmorgen am östlichen Busbahnhof in Bischkek getroffen. Die anderen zwei Frauen, Alice und Cicilia habe ich per Zufall am Freitagabend zuvor getroffen.

Die Marschrutkas am Busbahnhof sind mit einem Kartonschild vor der Windschutzscheibe gekennzeichnet. Wir haben hundert Som bezahlt für die dreistündige Fahrt in das Tal (2,50 Fr.). Der Marschrutkafahrer hat uns gefragt, wo wir hin möchten. Wir haben einfach gesagt, nach Karaol Dede. Er hat es nicht richtig verstanden – oh Wunder bei unserer Aussprache. Das Dorf nennt sich Charaol Döbö, ist kirgisisch und bedeutet "Blick auf die Berge" – wenn ich das richtig verstanden habe. Wir wollten bei einer Familie übernachten und darum haben wir auf die Frage des Fahrers, wo wir schlafen werden, nur antworten können, dass wir es noch nicht wissen. Er hat sich wahrscheinlich gedacht, wir spinnen. Würde ich auch, wenn ich fünf Mädchen im Auto hätten, die in irgendein Tal fahren, weder wissen wo sie schlafen werden noch wie das Dorf heisst, in welchem sie aussteigen wollen. In anderen Dörfern hat er uns vor einem Gästehaus ausladen wollen, er hat sich wahrscheinlich ein bisschen Gedanken um uns gemacht. Wir sind dann in diesem kleinen Dorf ausgestiegen, zum Glück konnten uns zwei Einheimische den Weg zum CBT-Haus erklären. Der Weg war so matschig und nass und wir wurden von vorbeireitenden Pferden angespritzt. :-D Wir haben uns gekrümmt vor Lachen, was der Marschrutka-Fahrer sich wohl denkt.

Im CBT-Haus angekommen, wurde uns Tee, Brot und Marmelade aufgetischt. Die Leute waren sehr freundlich und wir konnten uns nach dieser kurzen Teepause keine weiteren Mahlzeiten vorstellen. Wir sind dann durch das Dorf zum Fluss gelaufen und wieder zurück. Kinder haben uns zugewinkt und die Erwachsenen haben sich gedacht, warum fünf Mädchen freiwillig auf diesen Matsch-Strassen spazieren gehen!

Die CBT-Gasthäuser sind super, weil man mit Einheimischen wohnt und diese auch direkt bezahlt. Es geht kein Geld an irgendeine Organisation. Die Preise sind aber meist teurer als in irgendeinem Hotel. Für die Nacht mit Frühstück bezahlte jeder ca. 10 Franken, fürs Reiten 8 Franken und das Abendessen kostet 5 Franken.

Das Abendessen war richtig lecker, Kartoffeln und Huhn. Das einzige Problem war, dass sie uns voller Stolz erklärt hat, dass das Huhn aus Amerika ist. Wir waren ein bisschen schockiert, vor allem weil Alice darauf gesagt hat, dass die Amerikaner als "Food Aid" Hühner nach Kirgistan schicken. Eine hat gesagt, sie vertraut den Amerikanern nicht, das seien bestimmt genmanipulierte Hühner. Wir sind dann zum Schluss gekommen, dass die Kirgisen den Amis auch nicht vertrauen und darum die "Food Aid Hühner" an Touristen verfüttern! :-D Es war echt lustig.

Nach dem Essen haben wir Bier und Biskuits in einem kleinen Laden gekauft. Die Besitzer waren bestimmt schon im Bett, aber unsere Gastgeberin hat an die Tür geklopft, bis jemand aufgemacht hat. "Nascha Piwa" heisst das einheimische Bier hier, was soviel heisst wie "Unser Bier".

Am Tag darauf sind wir mit Pferden losgegangen. Leider sind wir nur sehr langsam gelaufen. Vielleicht auch besser für mich, da es mein erstes Mal auf einem Pferd war. Die Jungs in diesem Dorf beginnen schon mit vier Jahren zu reiten. Reiten ist hier wie für die Schweizer Schifahren, für die Australier das Surfen oder für Italiener das Rauchen! :-) Der jüngere von unseren beiden Begleiter war erst neun Jahre alt, der ältere fünfzehn. Wir haben eine Schneeballschlacht gemacht, während sich die Pferde ausgeruht haben.

Nachmittags nach dem Fotoshooting sind wir mit der Marschrutka nach Tokmok weitergefahren. Der gleiche Marschrukta-Fahrer hat uns nach Tokmok gebracht, und wieder konnten wir ihm nicht sagen, wo wir schlafen werden. Bis an sein Lebensende wird er erzählen, Europäerinnen sind wie blinde Hühner! Hehe
Wir haben ein Taxi genommen und ihn nach der nächsten und vor allem billigsten Gastinizia (Hotel/Gästehaus) gefragt. Er hat bei jeder angehalten und nach dem Preis gefragt. Schlussendlich sind wir bei einer Dame gelandet, die sogar ein Bannia hatte, finnisch mit Sauna und kaltem Pool. Sie hat uns zum Restaurant gebracht und wieder abgeholt nach dem Essen, obwohl es auf der andern Strassenseite von ihrem Haus war. Sie war wohl ein bisschen besorgt um die fünf blinden Hühner. Wir haben noch Wodka, Saft und Schokolade gekauft und sind damit ins Bannia. Das war echt klasse, ein riesiges Bannia ganz für uns allein.

Am Tag darauf sind wir zum Burana-Turm gefahren. Eigentlich nichts spezielles, ein einsamer alter Turm mitten auf einer Fläche. Früher sei da ein wichtiger Handelsplatz gewesen. Tokmok ist die günstigste Stadt in Kirgistan, hat uns der Taxifahrer gesagt. Er hat uns angeboten, uns nach Bischkek zu fahren. Die Preise für Taxi und Marschrutka sind fast gleich, aber Marschrutka ist interessanter. Für lange Fahrten hat man auch sein eigenen Sitzplatz, wenn man nicht mitten auf der Strecke einsteigt.

Preise in Bischkek, 9. März 2010

Preistabelle Bischkek:

– Busfahrt: 15 Rappen
– Zirkuseintritt: 8 Franken
– Wohnungsmiete, 2 Zimmer, nahe Zentrum: 300 Franken
– Schaurma (wie Kebab, aber besser) vom Strassenstand: 1,50 Franken
– Samsi (Teigtasche gefüllt mit Huhn, Kartoffeln) vom Strassenstand: 50 Rappen
– Ein Päckchen Zigaretten (Winston) am Kiosk: 80 Rappen
– Ein Päckchen Zigaretten (Winston) in der Disco: 3 bis 4 Franken
– 0,5 Liter Wodka im Laden: 2,50 Franken
– 0,5 Liter Bier im Laden: 80 Rappen
– 0,5 Liter Bier in einer Bar nahe Zentrum: 0,90 bis 1,70 Franken
– Eine Lektion bei einer Russischlehrerin, privat: 5 Franken

Deutsch-Russisch, 11. März 2010

Wörter für den Anfänger (sind gleich in Deutsch und Russisch). Es gibt noch viele mehr, wie Trottoir, Barriere und so, aber diese hier sind richtig Deutsch! :-D
– Gastarbeiter
– Buchhalter
– Rucksack
– Straf(e)
– Butterbrot (Russisch: Sandwich)
– Schlagbaum
– Schrift

Marschrut (Reiseroute) = Marsch-Route
Kaschmar (Albtraum) = Cauche-Marde, französisch

Bischkek, Normale zwei Wochen, 26. März 2010

Meine letzten zwei Wochen - ein kurze Übersicht



Ich muss richtig grübeln, um nicht zu vergessen, was ich in den letzten zwei Wochen gemacht habe. Es ist viel und doch fast nichts geschehen. Ich fühle mich hier zu Hause und darum sind Tagesabläufe nicht mehr so spannend. Es lebt sich super in meiner Wohnung. Meine Mitbewohner sehe ich sehr selten, ich gehe jeden Tag ausser Sonntag ins Art Center und treffe mich auch meistens mit den gleichen Leuten. Es ist schön hier zu sein und ich freue mich, den Frühling hier zu erleben. Die Bäume spriessen und unsere Managerin hat mir schon Osterglocken auf meinen Schreibtisch gestellt! :-D



Valentina hatte Geburtstag, ich war auf dem Ortosai-Basar und dem kleinen Flohmarkt. Die Woche darauf waren wir am Dienstag im Anton's um uns gleich für Mittwoch im Metro zu verabreden. Dort hat es mit Karaoke singen und tanzen geendet. Ich habe am nächsten Tag von einer Kollegin Fotos zugeschickt bekommen. Noch einen Tag später habe ich herausgefunden, dass der Mann, mit welchem ich abgelichtet wurde, der Inhaber vom Metro ist.



Donnerstag bin ich richtig früh schlafen gegangen, da ich am Freitagmorgen um 8 Uhr Russisch-Kurs hatte. Das war eine besondere Herausforderung, da die Heizungen seit diesem Tag abgeschaltet sind. Draussen hat es nochmal richtig geschneit und die Strassen waren voller "Pflutsch". Freitagabend waren wir im Bitli (was der russische Name für Beatles ist). Viele deutsche Freiwillige waren dabei und Sara (Spanierin), Elise und Andrea. Danach bin ich mit einigen weiter in eine dämliche Disco namens Golden Bull. Es ist fast immer leer, Prostituierte schlendern rum und die Musik ist wie in allen anderen Clubs in Bischkek, Pop und House. Aber der Eintritt ist frei für Ausländer. Darum landen wir trotz allen Umständen öfters da, als wir möchten. Ich bin dann mit dem Taxi nach Hause. Dummerweise bin ich in ein Taxi gestiegen, indem zwei Taxifahrer waren. Sie haben öfters angehalten auf dem Rückweg und mich nach meinem Namen und meiner Nummer gefragt, ob ich etwas getrunken hätte und ob ich verheiratet bin, mit wem ich da bin und blablabla. Natürlich bin ich immer verlobt, wenn nicht sogar verheiratet und dir Nummer gebe ich nie. Beim letzten Versuch zweihundert Meter vor meinem Haus bin ich dann ausgestiegen. Ich hatte keine Angst, es nervt einfach. Ich gebe meine Nummer selten, nur, wenn ich die Leute auch kennengelernt habe. Aber es rufen ständig Personen an, die ich nicht kenne.



Am Samstag sind ich und Andrea allein am Arbeiten gewesen. Es war richtig gemütlich, draussen schneite es und wir sassen auf dem Sofa und haben Kekse gegessen. Am Abend wurden wir an eine Wohnungseinweihungsparty eingeladen. Es sind nicht mehr als fünf Gäste gekommen, war trotzdem sehr witzig. Wir haben Uno gespielt und versucht, nach unserem Wodka die Farben auf Russisch zu sagen. Und zum Spass haben wir auch nicht Uno sondern Adin gesagt. Nadja, eine Russin von Novosibirsk, hat eine göttliche Torte gemacht, die wir zwischen Uno und Wodka genossen haben.

Sonntag war Nouruz, Neujahrsfest. Andrea und ich sind auf dem Ala Too herumspaziert, leider war nichts los. Auf diesem grossen Platz im Zentrum haben sich einfach so hunderte von Menschen herumgetrieben, überall konnte man Fotos unter Blumenkränzen machen, mit Spongebob oder unter Balonbogen. Es war auch richtig kalt. Normalerweise sind am Neujahrstag traditionelle Reitspiele, Tanz und Musik. Ich habe mich auf diesen Tag gefreut und dass ich das alles miterleben kann. Als Ausländer hat man es aber doppelt schwer, weil sich die Nachrichten, die man von Mund zu Mund weitergibt, nicht bis zu uns durchdringen. Radio und Fernseher verstehen wir nicht. Es sind jedoch Gerüchte bis zu uns durchgedrungen, warum es nicht stattgefunden hat. Unsere Russischlehrerin hat gemeint, die Leute hätten keine Lust zu feiern, da die Heizungen alle ausgeschaltet sind, trotz der Kälte, und weil die Gaspreise gestiegen sind. Andere haben erzählt, es sei zu kalt um zu feiern, darum werde alles auf den Mittwoch verschoben. Und noch andere haben erzählt, es werde eine "Revolution" geben und darum auch keine fröhliche Feier. Jedenfalls sind wir am Sonntag auch nicht mehr gross weggegangen, obwohl wir am Montag wieder frei hatten. Jemand hat in einer Unterführung versucht, Andrea auszurauben. Hat zum Glück aber nicht funktioniert, am gleichen Tag wurde sie auch noch von der Miliz angehalten. Darum war ihr auch nicht nach "auf der Strasse herumschlendern" zumute, verständlicherweise.

Am Montag haben wir mit den Töchtern von Shaarbek gekocht. Zuerst sind wir auf den Basar gegangen, um alle Zutaten zu kaufen. Wir haben dann Bloff (Reisgericht mit Fleisch, Zwiebeln, Karotten und viel Öl) gekocht und Andrea und ich haben Wähe mit Äpfeln gemacht. Der Teig ist etwas salzig geworden, ist jedoch erstaunlich gut geworden für das, dass ich keine Waage zur Verfügung hatte. Sie messen alles mit Bechern und Schüsseln ab. Sie wissen, wieviel Gramm Mehl oder Zucker in der einen oder der anderen Schale Platz hat. Und genau an diesem Tag hat ihr Gasherd nicht funktioniert. Sie haben aber so eine elektrische Platte, welche man am Strom anschliessen kann (so hat auch der Backofen funktioniert). Sie haben uns dann aber erklärt, dass sie nicht auf elektrischen Platten kochen können, ob wir nicht ein Feuer im Garten machen sollen. Logisch! Das war richtig lustig und ist wahrscheinlich auch schneller gegangen als mit Strom-Platte. Bloff kochen dauert aber immer etwa zwei Stunden.

Nachdem wir gekocht haben und ich richtig viel zu viel gegessen habe, sind wir noch ins Anton's gegangen. Leute, die mich kennen, wissen, dass ich gar nicht zu viel essen kann. Aber an diesem Abend hat mir für drei Stunden der Bauch so weh getan, ich konnte fast nicht aufrecht sitzen, eher in zurückgelehnter Haltung. :-D Nach drei Bier habe ich mich aber besser gefühlt, vielleicht war ich einfach auf Entzug! Hehe. Es war Margreets Abschiedabend, Danach waren wir wiedereinmal im Golden Bull, und – wie kann es anders sein – wir waren fast die einzigen.

Am Mittwoch hatten wir wieder frei, Andrea und ich sind nach unserem Russisch-Kurs auf den Alamedin-Basar und ich hab nach einem Fahrrad Ausschau gehalten. Am Abend ist Andrea zu mir gekommen und wir haben geschätzte zehn Liter Tee getrunken und gequasselt. Plötzlich haben wir vom Zentrum her Feuerwerk gehört. Als wir uns dann aufgemacht haben, um nachzusehen, was da los ist, hat es angefangen zu regnen. Und als wir da angekommen sind, war keine Menschenseele mehr da. War ja logisch, oder?! Es war auch schon zehn Uhr, zum Glück waren wir zu zweit, sonst wäre ich mir blöd vorgekommen so auf dem Platz rumzukurven in der Hoffnung auf ein interessantes Spektakel. Also kann ich hiermit bestätigen, dass ich sämtliche Neujahrs- und Revolutionstag-Feierlichkeiten verpasst habe.



Gestern war Andrea wieder bei mir, weil bei ihr kein Strom war. Den Wein, den sie mitgebracht hat, hat leider nach aufgelöstem Brot geschmeckt. Es ist nahezu unmöglich, hier guten Wein zu finden. Und ich hatte wohl Strom, aber leider kein warmes Wasser. Wir hoffen nun alle auf höhere Temperaturen!

Öffentliche Uhren, 30. März 2010

Ich habe bis jetzt genau zwei öffentliche Uhren in Bischkek entdeckt. Die hängen beide am Postturm im Zentrum der Stadt. Gestern bin ich daran vorbeigelaufen und habe bemerkt, dass die beiden Uhren nicht die gleiche Zeit anzeigen! :-D Ich habe es erst, als überpünktliche Schweizerin, gar nicht glauben können und gedacht, ich sehe bestimmt nicht mehr gut! Heute jedoch habe ich ein Beweisfoto gemacht, fast fünf Minuten Differenz. Kein Wunder sind die Kirgisen immer zu spät und nehmen jede Verabredung nicht so genau. :-DIch habe bis jetzt genau zwei öffentliche Uhren in Bischkek entdeckt. Die hängen beide am Postturm im Zentrum der Stadt. Gestern bin ich daran vorbeigelaufen und habe bemerkt, dass die beiden Uhren nicht die gleiche Zeit anzeigen! :-D Ich habe es erst, als überpünktliche Schweizerin, gar nicht glauben können und gedacht, ich sehe bestimmt nicht mehr gut! Heute jedoch habe ich ein Beweisfoto gemacht, fast fünf Minuten Differenz. Kein Wunder sind die Kirgisen immer zu spät und nehmen jede Verabredung nicht so genau. :-D

nach der Revolution…, 19. April 2010

Alles scheint unwichtig, was nach der Revolution hier passiert ist, darum kann ich nicht viel schreiben. Nach den Tagen, an welchen wir zu Hause geblieben sind, beginnt sich der Alltag allmählich wieder.
Tage danach sind wir nur im Internet gewesen, um Nachrichten zu lesen. Oft wussten wir nicht genau, wie die Situation im Zentrum aussieht und ob es sicher ist oder nicht. Oft haben wir mit Freunden telefoniert, welche von einem anderen Standpunkt in der Stadt mehr Informationen wussten als wir oder umgekehrt. Die Ausgangssperre, welche von zehn Uhr abends bis morgens um sechs gedauert hat, ist nun auch vorüber. Viele junge Ausländer hier aber immer noch sehr vorsichtig und verlassen, wenn es dunkel ist, das Haus nicht mehr.
Ich persönlich war nie in einer gefährlichen Situation und man konnte die Orte auch meiden, wenn man sich informiert hat. Ich habe drei Nächte nicht bei mir zu Hause geschlafen, da ich sehr nah beim Zentrum wohne und am ersten Tag, als alles begonnen hat, gar nicht nach Hause gekommen bin.

Das Wetter ändern sich nur schleichend gen Frühling und ich warte sehnsüchtig auf ein paar Grad über zwanzig. Letztes Wochenende habe ich mir ein Fahrrad gekauft, damit ich die Stadt auskundschaften kann und mir im heissen Sommer die Hitze in den Marschrutkas ersparen kann. Mein Fahrrad hat fünfzig Franken gekostet plus fünf extra fürs Zusammenbauen. Ich habe es auf dem riesigen Dordoi-Basar gekauft, dem grössten Kleidermarkt von Zentralasien. Da es geregnet hat und die Distanz zur Stadt relativ gross ist, habe ich mein neues Fahrrad auf dem Dach eines Taxis nach Hause gebracht. Das Fahren in der Stadt ist relativ gefährlich, da man nicht über den luxuriösen Radstreifen verfügt und die Leute überhaupt überfordert sind mit fahrradfahrenden Spinnern! Ich fahre auf dem Trottoir, obwohl es einige Stufen dazwischen hat. Hier in Bischkek wir einfach grosszügig gehupt, wenn sich etwas auf der Strasse befindet, was die schnelle Durchfahrt stören könnte. Selbst langsame Grossmütter werden mit Hupkonzerten daran erinnert, dass sie vom Fussgängerstreifen verschwinden sollen, obwohl es für Autofahrer sowieso noch rot ist!

Wenn mich jetzt mein Schweizer Verkehrskadetten fragen, ob ich denn keinen Helm kaufen möchte, muss ich leider zur Antwort geben, dass ich beim besten Willen nicht weiss, ob Helme hier überhaupt erhältlich sind.

Das Yeti von Kirgisistan, 26. April 2010

Letzten Sonntag waren wir mit Trekking Union unterwegs. Marc war hier und wir sollten aus der Stadt für einen Tag. Erstmal war er der einzige Mann und unser Guide hat gefragt, ob Marc auch mitkommt. Nebst diesen zwei Männern waren wir neun Frauen. Wir haben uns mit diesen Leuten am Alamedin Basar getroffen, oder besser gesucht und gefunden. Als wir ausgestiegen sind, hat es so stark gewindet, dass wir Sand im Mund und in den Augen gehabt haben. Und sämtliche Hüte hat es davongewindet. Unser Guide hat erst den Eindruck gemacht, als würde er sich auch nicht besonders gut auskennen, hat sich dann aber zum Gegenteil gewendet. Er hat ein Stativ, eine Foto- und eine Filmkamera mitgeschleppt und an jeder Ecke Fotos gemacht. Gewandert sind wir nicht sehr viel, wir haben vor allem nach jedem zwanzigminütigen Marsch eine Zehnminutenpause eingelegt. Die ganzen Mädels, welche dabei waren, haben auch nicht nach Bergsteigern ausgesehen mit ihren Turnschuhen und Flauschi-Trainerhosen. Wir sind zu einem Wasserfall gekommen und sind ein wenig geklettert.
Unser Guide hat mich an dem ganzen Tag am meisten amüsiert. Ständig hat er uns gesagt, wohin wir stehen sollen und wo nicht, dass wir für ein weiteres Foto euphorisch auszusehen hätten und so weiter. Nach dem halben Weg hat er sich eine sehr seltsame Maske angezogen. Ein Sack über dem Kopf, mit zwei Gucklöchern, ein knallroter aufgeklebter Mund und gelbe "Haare". Es hat schrecklich ausgesehen. Das Yeti von Kirgistan. :-D Ich konnte alles, was er gesagt hat, nicht ernst nehmen. Wenn ich ihn angesehen habe, musste ich schon lachen. Zudem hatte er rote Hosen an und ein grünes T-Shirt, zum Essen hat er aus seinem unerklärlich riesigen vollgestopften Rucksack ein Plastik und ein "Knieschoner"-Polster ausgepackt und an einer Poulet-Keule genagt. Es war wirklich witzig.
Wie hätte es auch anders kommen können, schlussendlich hat sich eines der Mädchen verletzt und wir sind noch langsamer vorwärtsgekommen. Fast unten angekommen, hat ein Reiter die Verletzte aufs Pferd genommen und so sind wir die letzten paar Kilometer richtig schnell gewesen. Alle wollten nach Hause. Wir sind etwa zwölf Stunden unterwegs gewesen.
Die Sicht war eigentlich auch nicht so gut. Ein Dunst ist in der Luft gewesen, dass man die Berge leider nicht klar sehen konnte. Das Flusswasser durften wir nicht trinken wegen Dünger und ich habe in den Bergen noch nie so viel Abfall gesehen wie an diesem Wochenende. Es wird jeglicher Abfall, Pet-Flaschen, Zigarettenstummel und Dosen einfach in hohem weggeworfen.
Wir haben dann von diesem Dorf eine Marschrutka nach Bischkek genommen. Zum Glück war ich es dieses Mal, die gestunken hat, dann ist der ganze Geruch in einer vollgestopften Marschrutka besser erträglich.

B'Art Center, 30. April 2010

Heute hatten wir eine grossartige Beschäftigung. Wir (B'Art Team) haben versucht, den Vorplatz vor unserem Büro in Ordnung zu bringen. Erstmal war jeder zu spät, obwohl wir alle informiert worden sind. Als wir angefangen haben, wusste keiner genau, was der Plan war. Alfija hat dann entschieden, die Steine, welche vor unserem Gebäude gelegen sind, auf die andere Seite des Weges zu schiessen. Ich konnte mich erst gar nicht erholen vor Lachen, da die ganze Aktion so lustig war. Wir haben zu viert Steine drei Meter weitergeschossen. Den Dreckberg auf der anderen Seite sollte einfach auf die ganze Länge unserer Einfahrt geebnet werden. Als ich damit angefangen habe, ging über uns das Fenster auf und ein Mann hat mir gesagt, ich solle damit aufhören, da dies sein Zement ist, den er noch braucht. Ich musste mich verstecken, um zu lachen. Es war zu köstlich.
Vor dem Eingang hatten wir einen mit Steinen gefüllten Pneu, als Stufe. Diesen hat Sani auch auf die andere Seite des Weges geworfen. Ich habe dann gefunden, sieht immer noch nicht so schön aus. Alfija wollte ihn auf dem "Zement-Erde-Haufen" platzieren und mit Blumen füllen – so macht man das hier, hat sie mir erklärt. Aber sie musste selber über diesen Vorschlag lachen. Schlussendlich haben wir Steine und Müll – und Pneu – zwanzig Meter weiter im Hof zu einem netten Haufen geformt. Muminat und Alfija haben dann noch eine Stunde kleinere Steine und Dreck auf die grossen Steine in der Einfahrt gekippt, damit es schöner aussieht (und immer Sommer den ganzen Staub wieder aufwirbelt und an einen anderen Platz trägt).
Der Platz vor dem Art Center hat sich nicht wirklich gross geändert. Das einzige ist unsere "neue" Stufe, statt dem Pneu und eine Ecke, die ich gekehrt habe, um ein paar Stühle dahin zu stellen, vielleicht sogar ein Tischchen.

Die ganze Aktion war ein guter Einblick in die kirgisische Art und Weise, wie man etwas aufräumt und in Ordnung bringt. Das ist bestimmt auch der Grund, warum alle in ihrem Garten einen riesigen Müllhaufen haben, mit Dingen, die sie irgendwann einmal brauchen.

Es erinnert mich an etwas anderes sehr lustiges, was ich in der Stadt gesehen habe. Eine kleine Fläche Rasen im Zentrum der Stadt, vielleicht 40 Quadratmeter. Darauf habe ich sieben Männer gezählt, die den Rasen gemäht haben. Ich habe mich so genervt, dass ich meinen Fotoapparat nicht dabei hatte. Diese sieben tüchtigen Herren in orangen Jäckchen wären allemal ein Foto wert gewesen.

Süd-Tour vom 7.-13. Mai 2010, 28. Mai 2010

Meine Tour in den Süden von Kirgistan

Andrea und ich waren sechs Tage im Süden von Kirgistan, welcher sich in so vielen Dingen vom Norden unterscheidet. Wie in den meisten Ländern ist nicht nur das Wetter wärmer, sondern auch die Menschen. Das mag daran liegen, dass noch nicht so viele Touristen im Süden sind. Auf der Strasse sind wir so oft angesprochen worden von Kirgisen und Usbeken jeden Geschlechts und Alter.

Wir sind am Freitagmorgen vom Osch-Basar in Bischkek per Taxi nach Jalal-Abad gefahren. Als wir zwei Touristen auf den Platz gelaufen sind, wo die ganzen Taxis und Marschrutkas stehen, sind sie auf uns zugelaufen und haben begonnen zu fragen, wohin wir wollen und uns Preise zugerufen. Das ist immer der anstrengenste Part und man muss sich vorher einig sein. Denn wenn man auf dem Parkplatz ist, kann man meistens nicht mehr normal miteinander kommunizieren. Wir sind erst mal einfach weitergelaufen und haben uns von den Taxifahrer immer tiefer werdende Preise ins Ohr rufen lassen, sie haben uns an den Armen gezogen und uns zu ihrem Taxi führen wollen. Eigentlich ist es immer lustig. Nach knapp einer Viertelstunde hatten wir unseren Taxifahrer. Ein schmächtiger junger Mann, der selber nicht beim Preise ins Ohr rufen mitgemacht hat. Sein "grosser Bruder" hat das für ihn erledigt. Ich bin dann einmal kritisch um das Auto herumgelaufen und habe die Pneus kontrolliert. Sie haben noch zwei andere Mitfahrer organisiert und dann sind wir losgefahren.

Die Landschaft ist herrlich. Ich habe erst gedacht, acht Stunden im Auto sind Horror, aber es war traumhaft und mit Lesen und aus dem Fenster fotografieren ist es mir auch nicht langweilig geworden. Die Strasse geht erst durch ein schmales Tal neben dem Fluss, über einen Pass und danach über hügeliges Land. Die Berge in Kirgistan sind ganz anders als in der Schweiz. Die Hügel sehen von weitem wie Wogen im Meer aus, die sich immer weiter auftürmen, weich und rund. Alles war grün und kurz vor Jalal-Abad waren die Wiesen rot. Ganze Flächen waren übersät mit Mohn-Blumen.

In Jalal-Abad haben wir uns mit einem anderen Schweizer getroffen, Christof. Der Taxifahrer wollte uns fast nicht alleine gehen lassen und hat uns dreimal angeboten, dass er noch mit uns warten könne, bis unser Freund auftaucht. Unsere Mitfahrerin wollte uns noch ihre Nummer geben, damit wir sie anrufen können, wenn wir in Osch angekommen sind. Wir konnten bei seiner Gastfamilie schlafen.

Die meisten Häuser sind einstöckig. Selbst in den Städten Jalal-Abad und Osch habe ich kein einziges grosses Gebäude gesehen. Vielleicht alte Sowjetblocks, aber das wars dann auch schon. Das höchste Gebäude in Jalal-Abad ist das Mehkombinat, was auch in Russisch "Mehlkombinat" heisst.

Auf den Hügeln um Jalal-Abad gibt es viele Pistazien- und Mandelbäume und ein Kurort, was auch in Russisch "Kurort" heisst. *hehe* Wir sind darum am ersten Tag, am Samstag, auf dem Basar gewesen und danach zum Kurort hochgelaufen. Auf dem Basar habe ich super Stempel gekauft, welche man braucht, um Verzierungen in das kirgisische "Lepioschka" zu machen, Blumenmuster und Sterne. Echt schön. Sie sind aus Holz, an der glatten Unterseite sind kleine Metallstifte eingeschlafen und in die Stempel sind schwarze Streifen eingebrannt.
Verschiedene Quellen in verschieden salziger Ausführung findet man auf dem Kur-Ort-Hügel. Die Leute laufen oft mit Rucksäcken voll Pet-Flaschen da rauf um alle zu füllen. Das Wasser wirkt heilend bei Herzproblemen, Hautproblemen, Magenbeschwerden und sonst allerlei Krankheiten. Wir haben uns auf eine "Datscha" gelegt und gegessen, Karten gespielt und Personen geraten. Es war herrliche Ferienstimmung und das Wetter war super.

Nach unserem Kurortbesuch sind wir ins Zentrum zurück und haben Eis gegessen, während wir auf einem Sowjetriesenrad zwei Runden gedreht haben. Auch mit der "Achterbahn" sind wir noch gefahren.

Am nächsten Tag sind wir auf dem Flohmarkt in Jalal-Abad gewesen. Auf einem alten, unbenützten Bahngleis findet jeden Sonntag der Flohmarkt statt. Die Leute verkaufen einfach alles. Verrostete Werkzeugkisten mit verrostetem Inhalt, gebrauchte Filter, welche in keinerlei mir bekannte Maschine passen würden, alte Fahrräder, Säcke mit Kohle, alte Kleider, Uhren, Landkarten von der Sowjetunion, Stadtpläne von Moskau von 1974, Bilder von unbekannten oder verstorbenen Künstler mit abgeblätterter Farbe und halb verbrochenem Rahmen und noch viel mehr Ramsch. Normalerweise findet man immer irgendwas auf dem Flohmarkt, aber da – ich würde nichts geschenkt nehmen!

Sonntagabend haben wir Schaschlik gegessen und sind dann noch in ein Kafe. Christof und ich haben mit den Kirgisen getanzt. Die haben sich richtig amüsiert über/mit uns.

Von Jalal-Abad sind wir mit der Marschrutka weiter nach Basar Kurgon, ein Basar und Bus-/Taxi-Bahnhof ausserhalb der Stadt. Von da mussten wir ein Taxi nehmen, um nach Arslanbob zu kommen. Der Marschrutkafahrer ist mit uns zwei Touristen durch den ganzen Basar bis zum Taxistopp gelaufen, damit wir es finden. Dort erneut das Taxi-Finden-Szenario. Ich verstehe es einfach immer noch nicht ganz. Man spricht erst mit fünf Taxifahrern, die leiten einem dann schlussendlich doch weiter zu jemand anderem, dann wird rumtelefoniert und dann sitzt man im Taxi und wartet auf Mitfahrer.

In Arslanbob sind wir ins CBT-Büro gegangen und wir konnten uns ein Gasthaus auswählen von 14! Wir haben dann mit dem CBT-Koordinator und einer anderen Schweizerin, welche in Arslanbob war zu dieser Zeit, zu Mittag gegessen. Als wir ins Restaurant gekommen sind, haben sich alle Köpfe gedreht. Es sassen ausschliesslich Männer da. Am Nachmittag sind wir zum kleinen Wasserfall (23 Meter) gelaufen durch diese 15'000-Einwohner-Stadt, die eher wie ein Dorf aussieht. Nur ein Prozent der Einwohner sind Kirgisen, der Rest Usbeken. Kleine Höfe und Felder, überall Esel und kleine Bäche. Zu diesem Wasserfall laufen auch viele Pilger, an vielen kleinen Ständen, hinter welchen Kinder standen, konnte man darum Gebetsketten kaufen. Andrea und ich fanden die so schön, dass wir sie als Halsketten tragen werden. Ich habe noch etwas anderes komisches gekauft. Es sieht aus wie Leder, ist dunkelrot bis braun und ganz dünn. Es lag zusammengefaltet auf diesen Ständchen. Ich habe das Mädchen gefragt, was es ist uns sie hat mir davon abgerissen, darauf habe ich es einfach mal probiert zu essen und siehe da – oberlecker. Es ist wahrscheinlich so etwas ähnliches wie Gelatine mit Früchten und Zucker drin. Sehr speziell.

Am Abend haben wir uns dann Karten gekauft und fünf Stunden lang gejasst. Etwas anderes ist in diesem Dorf nicht zu tun.

Am nächsten Tag sind wir hoch zu Ross durch die grössten Wallnuss-Felder der Welt geritten. Es war echt schön, ausser dass mein Pferd das langsamste war und ich stillschweigend hinter den anderen herreiten musste. :-) Mit den Pferden sollten wir durch einen reissenden Fluss laufen. Das Wasser reichte den Pferden bis knapp unter den Bauch. Wir sind dann zu Fuss über ein Holzbalkenbrückchen gelaufen, während unsere zwei Guides das Überqueren mit den Pferden organisiert haben. Wir sind dann noch zu dem grossen Wasserfall (80 Meter) hochgelaufen, der aber nicht so spektakulär war wie der kleine. Überall an die Sträuchern und Geländern haben Pilger und sonstige Besucher Stofffetzen gebunden. Wenn der Wind das Stück Stoff wegreisst und davon trägt, geht der Wunsch dieser Person in Erfüllung.

Nach unserem Pferdemarsch hat es auch gleich zu regnen begonnen. Wir sind per Taxi zurück zu diesem Basar Kurgon gefahren und von da per Marschrutka wieder nach Jalal-Abad, von da weiter per Marschrutka nach Osch. Dort haben wir als erstes der CBT-Bürofrau angerufen, um sie nach der Adresse zu fragen. Also wenn ich irgendeinmal alles auf Russisch per Telefon verstehe, klopfe ich mir höchstpersönlich auf die Schulter. Wir haben das Telefon einfach einem Taxifahrer weitergegeben und sie haben direkt miteinander verhandelt. Diese CBT-Organisation ist super und sie hat sogar noch die Autonummer von ihm wissen wollen und den Preis bereits vor-verhandelt. Wir haben in einem riesigen Haus geschlafen. Ich glaube, ich habe in ganz Kirgistan noch nie ein so grosses Haus gesehen. Ich glaube, es war ein usbekisches Haus, ein riesiger Garten mit "Datscha" und Blumenbeeten, an den Zimmerdecken waren überall Schnitzereien und das Badezimmer war so gross wie die Hälfte meiner Bischkek-Wohnung! Wir haben Tee und Kaffee getrunken und Andrea hat sich gefreut, dass wir getrennte Zimmer haben, da ich sie schon die ganze Zeit über mit meinem Geschnarche um die Nachtruhe gebracht habe! :-D

Am Tag darauf sind wir auf den Basar in Osch und wir haben rumgeschmöckert und uns in kleine Cafés gesetzt, um Karten zu spielen. Wir sind von zwei Kirgisinnen angesprochen worden, welche uns erzählt haben, dass sie eben die Ausbildung zum CBT-Guide für Osch machen und sie würden uns gern herumführen. Wir haben uns also für den nächsten Tag verabredet, um auf den Süleman zu steigen. Die beiden waren 17 und 19 Jahre alt. Sie haben mich gefragt, wann ich vor hätte zu heiraten und dass sie mit 20 heiraten. Sie träumen vom Reisen, aber ihre Eltern erlauben es nicht. Auch Sprachen wollen sie lernen und etwas von anderen Kulturen sehen, aber die kirgisische Tradition macht es fast unmöglich für Frauen, ins Ausland zu gehen. Die Familie akzeptiert es nicht und manchmal wird vom ganzen Dorf komisch angeguckt, wenn man mit 23 noch nicht verheiratet ist, im Ausland war oder in die Stadt ziehen möchte.

Aber am nächsten Tag war es wieder richtig warm und darum wollten wir morgens schon auf den Sülemann gehen. Wir haben unser Treffen mit den Kirgisinnen verschoben und sind auf diesen Hügel mitten in der Stadt gelaufen. Man bezahlt drei Som Eintritt, diese hat aber ein Herr für uns bezahlt, der mich auf dem Hügel dann nach meiner Nummer gefragt hat und mich nach Taschkent eingeladen hat – er würde auch das Visum für mich organisieren. Dankeschön! Eine Nummer mehr auf meinem Handy. Oben haben wir ein Schweizer getroffen, welcher ein Dokumentarfilm über Kirgistan und die politischen Umschwünge in diesem Land drehen möchte. Wir haben uns interviewen lassen und mit meinem schlechten Hochdeutsch und völlig konfus, was ich in drei Sätzen über die Revolution sagen würde, habe ich sichtlich ein unbrauchbares Video abgeliefert. Eine Kirgisin war ebenfalls dabei, welche mit ihm zusammenarbeitet uns in Toronto studiert. Der andere Kirgise, welcher dabei war, hat vorgeschlagen, uns zum "Bloff" (traditionelles Reisgericht) einzuladen. Sagt man nie nein!

Wir sind dann noch mit den beiden Kirgisinnen ein ein Café und dann mussten wir auch schon zurück zum CBT, packen und mit unserem Taxifahrer zum Flughafen zurück. Er hat gemeint, er würde uns in Bischkek besuchen. Auf dem Flughafen haben wir nochmal den Schweizer Reporter und die zwei Kirgisen getroffen. Andrea und ich haben auf dem Flughafen gejasst und sind dann gerannt, um uns unter diesen kirgisischen Dränglern einen Fensterplatz zu ergattern.

Der Flug war super. Ich liebe dreidimensionale Wolken und Blitze und Donner, während man zwischendurch fliegt!

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Fragen und Kommentare

 
Kommentar von [anonymous], geschrieben: 13.5.2010, 17:35 Uhr
hola cinzia
herzlichen Dank für deine spannenden Berichte!
Und ein kleiner Trost: bei uns wirds auch nie Frühling.
mat et jut.
Herzliche Grüsse norbär

 
Kommentar von mam, geschrieben: 9.4.2010, 22:41 Uhr
häb dir ganz fescht sorg cidulu !!!
 
Kommentar von laura, geschrieben: 8.4.2010, 08:08 Uhr
hey cinzia.
bi hüt uf wiedermol uf dinere site glandet will i geschter i dä nochrichte das chaos in bishkek gseh han! isch alles okay bi dir? bin gspannt wie du das chaos erlebt hesch... :)
lg laura

 
Kommentar von Rami, geschrieben: 30.3.2010, 08:47 Uhr
hey cinzi, echt mega kuul wasd du grad so erleäbsch und es froit mich mal wieder öbis vo dir zghöre :) gnüss es, und pass uf dich uf.
Ganz en feste knuddel :)

 
Kommentar von Doris, geschrieben: 16.3.2010, 12:16 Uhr
Sehr interessant gschribä und macht neugierig uf meh!

 
Kommentar von Gäbel, geschrieben: 15.3.2010, 21:16 Uhr
Hoi Cinzia
da tönt jo super!
Wör gärn äs Nascha Piwa mit dir trinkä. Prost!
Denksch au mol a di armä dihaimäblibenä.
Gruess und hebs Guet Gäbel

 
Kommentar von mam, geschrieben: 12.3.2010, 16:57 Uhr
eifach numä guät!!
 
Kommentar von Bro, geschrieben: 26.2.2010, 12:27 Uhr
He Sista.. :-)

Ha jo scho einiges ghört vo dir, aber da isch en coole Bricht wo eim irgendwie chli i dini Welt itauche loht! I finds mega spannend dini Bricht z`läsä und versuech mir da oft vorzstele.
I weiss jo überhaupt nüt vo dem Land, aber wenni eis weiss, denn das du dich guet dureschlohsch, di wohl fühlsch und das es dir guet got! Gnüss äs und loh mol wieder öpis vo dir ghöre..

Grz Bro

 
Kommentar von SIbylle, geschrieben: 26.2.2010, 09:12 Uhr
woow Bibi wo bisch denn du glandet?
han mi au uhhh gfreut z ghöre das di forderet und du guet zwäg und gsund bisch...bin am überlege öbi im summer abechum...??hetsch freud denn chumi wennd scho psetzt bisch muesch sege...denk öppe a di und dini ander Welt...nimm so viel mit wied chasch die chance chunnt nöd grad wieder...han di gärn dicki umarmig Bibi

 
Kommentar von Marianne, geschrieben: 25.2.2010, 16:33 Uhr
hei cinzia,
s froit mich uu endlich öppis vo dir z ghöre! S tönt sehr intensiv und spannend.

Gnüss es!

 
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Cinzia
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