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Reisetagebuch
Minsk, 2. Oktober 2009

Ich bin nun schon 3 Wochen hier in Minsk und deshalb habe ich auch einiges zu erzaehlen. Ich habe mich in Minsk sehr gut eingelebt und bin mit meiner Wahl ueberaus gluecklich. Ich haette mir nicht gedacht, dass ich mich in einer 2Mill.-Stadt so schnell heimisch fuehlen kann. Als Orientierung dienen mir immer die beiden Metrolinien, welche schliesslich im Stadtzentrum zusammentreffen. Man kann sich also in Minsk kaum verlaufen und sonst helfen die Menschen sehr gerne weiter.
Ich habe mir Minsk ganz anders vorgestellt. Minsk ist eine sehr gruene und saubere Stadt und das Stadtzentrum wird von schoenen, z.T. farbigen Bauten aus den 50-er Jahren gepraegt.
Ich wohne bei einer aelteren, alleinstehenden Frau (Danuta) in eine sogenannten Schlafviertel an der Stadtgrenze. Dieses Viertel wird von hohen Haeusern gepraegt. Aber auch dort ist es sehr gruen und gepflegt. Danuta sorgt sich sehr, dass ich nicht Hunger habe. Ihre Kochkuenste sind hervorragend! Ich glaube, sie hat mir in diesen 3 Wochen schon fast alle russischen, belarussischen und ukrainischen Gerichtte gekocht. Jedenfalls werde ich sie aufschreiben und hoffe, dass sie mir in der Schweiz auch gelingen werden.
Mein Sprachunterricht findet bei meinem Lehrer Sergej zu Hause statt. Der Unterricht ist sehr intensiv, unterhaltsam und lehrreich. Gestern haben wir (Werner, ein Oesterreichischer Student und ich) mit Sergej einen Ausflug nach Kurapty und Chatin' gemacht. Sergej hat uns sehr viel ueber die Geschichte, aber auch ueber die aktuelle Politik in Belarus erzaehlt. Der Besuch der beiden Gedaenkstaetten war sehr eindruecklich.
Naechsten Montag beginne ich dann mit meinem "Praktikum" bei der Geschichtswerkstatt und bei Ecoprojekt. Letzten Samstag durfte ich bereits bei Ecoprojekt mithelfen. Sie haben ein Open Space fuer die Dorfbewohner in einem Dorf, unweit von Minsk, organisiert. Es ging darum, wie die Dorfbewohner ihre Lebenssituation im Dorf verbessern koennen. Die Dorfbevoelkerung war zu mir sehr nett, aber irgendwie genierten sie sich, mit mir (aber auch mit den Staedtern) zu sprechen. Am Samstag hatte ich also die Gelegenheit ein belarussisches Dorf und auch ein bisschen die Umgebung von Minsk zu sehen . Die Flaeche und die Weite des Landes haben mich sehr beeindruckt. Noerdlich von Minsk (dort liegt Chatin') hingegen ist das Land huegeliger und man nennt dieses Gebiet auch belarussische Schweiz!
Die Zeit vergeht hier ziemlich schnell. Es gibt hier aber auch viel zu sehen. Am ersten Wochenende, welches ich in Minsk verbracht hatte, fand das Stadtfest statt. Ueberall in der Stadt gab es Attraktionen fuer jung und alt. Z.B. traten Choere auf, Taenze wurde vorgefuehrt, es gab Jahrmaerkte und viele Sportveranstaltungen.
Das zweite Wochenende verbrachte ich am Minsker Meer. Dieser Stausee befindet sich ganz in der Naehe der Stadt und ist gut mit Bus und Elektritschka zu erreichen.
Heute werde ich wohl nicht mehr so viel unternehmen. Gestern war ich bei einem kleinen Geburtstagsfest eingeladen und deshalb bin ich nun ein wenig muede. Vielleicht liegt es aber auch am Wetter (es wird langsam kalt und alle fragen mich, ob ich genuegend warme Kleider hier habe) oder am Sprachunterricht :-)

Minsk, 4. Oktober 2009

Brr, jetzt ist es hier in Minsk wirklich kalt geworden und es windet oft ziemlich stark. Ich habe bereits meine Winterpullover angezogen... Mal schauen, was mich bis Ende November noch erwarten wird. Obwohl, wir Schweizer sollten uns ja grundsaetzlich an die Kaelte gewoehnt sein. Was hingegen ungewohnt fuer mich ist, ist, dass die Heizung in der Wohnung noch nicht laeuft. Die Heizungen werden naemlich von der Stadtverwaltung eingeschaltet und dies passiert sehrwahrscheinlich erst Mitte Oktober. In der Wohnung ist es daher oft ungemuetlich kalt und ich ziehe mir dann am Abend ueber meinen Winterpullover oft noch eine warme Wolljacke an. Danuta schaltet am Morgen manchmal den Backofen an, so wird es dann schon ein wenig waermer und gemuetlicher. Und... sie strickt mir Baumwollsocken...!
Am Freitag bin ich dann endlich ins Ballett gegangen, denn alle haben gesagt, dass ich dort unbedingt hingehen muesse. Und sie hatten recht. Es war wirklich sehr eindruecklich.
Eindruecklich sind aber auch die Maerkte hier und ich koennte mich stundenlang dort aufhalten. Gestern war ich auf dem Markt in Schdanowitschi. Dort kann man wirklich alles kaufen - Lebensmittel (sehr interessant war die Fleischabteilung), Computer, Moebel, Kleider, Schuhe, Haushaltssachen, Tiere etc.
Gestern Abend habe ich dann eine Schweizerin getroffen, welche hier in Minsk wohnt. Sie hat mir erzaehlt, dass hier nur ca. 11 Schweizer dauerhaft wohnen.

Minsk, 6. Oktober 2009

Heute habe ich ein anderes Belarus kennengelernt. Ich war naemlich heute das erste Mal in der Geschichtswerkstatt, welche sich im ehemaligen juedischen Ghetto befindet. Im Park, vor der Geschichtswerkstatt stehen dann auch Gedenksteine von der deutschen und der oesterreichischen Regierung an die vielen Juden, die waehrend des 2. Weltkrieges nach Minsk deportiert worden sind.
Ich wurde dann schliesslich sehr herzlich von den Mitarbeiterinnen und Freiwilligen (aus Deutschland) empfangen. Ich durfte dann spaeter bei einem Deutschzirkel teilnehmen, welcher fuer ehemalige Ostarbeiter einmal woechentlich organsiert wird. Es kamen 3 Frauen und 3 Maenner. Und oft sprachen gleich alle miteinander. Es war aber eine sehr gemeuetliche Runde und danach gab es Tee und Suesses. Spaeter durfte ich dann mit einer anderen Freiwilligen einer aelteren Frau ein Packet mit Lebensmitteln bringen. Wir sind mindestens eine halbe Stunde bei ihr gewesen und haben mit ihr ueber das Leben gesprochen. Sie hat uns erzaehlt, dass sie nur ca. 150 Fr. Rente im Monat erhaelt. Sie lebt sehr einfach und es ist kein Vergleich zu meinem schoenen Zimmer bei Danuta.
Und eine gute Nachricht. Gestern haben sie im Fernsehen gesagt, dass die Stadtverwaltung evtl. am Donnerstag die Heizungen einschalten wird. In den Spitaelern haben sie mittlerweile die Heizungen eingeschaltet.

Minsk, 9. Oktober 2009

Wieder ist eine Woche vorbei und nun ist auch einiges klarer mit den beiden Praktikas. Zweimal die Woche werde ich nun fuer Ecoprojekt arbeiten und zweimal fuer die Geschichtswerkstatt. Gestern und heute habe ich wieder Lebensmittelpackete verteilt. Heute war es sehr unterhaltsam, da ich mit Tina aus Deutschland unterwegs war. Zuerst waren wir bei einer Frau, welche sofort in Traenen ausbrach, als sie uns gesehen hatte und danach erzaehlte sie uns dann ihre Lebensgeschichte und was sie im Krieg erlebt hatte. Die zweite Frau, welche wir besucht hatten, schaemte sich fuer ihre aermliche Wohnung. Als Dankeschoen dafuer, dass wir ihr Lebensmittel gebracht hatten, gab sie uns dann Suesses mit auf den Weg.
Gestern durfte ich wieder einen lustigen belarussischen Tanzabend verbringen, welcher jeden Donnerstag stattfindet. Es waren viele bekannte Gesichter dort, aber auch einige neue. Jedenfalls meinte dann ein Belarusse, welcher das erste Mal dort war, dass er noch nie so viele Menschen aus verschiedenen Nationen an einem einizigen Abend getroffen haette. Dann zaehlte er auf und am Schluss hielt er sogar einen Belarussen fuer einen Deutschen, weil jener relativ gut Deutsch sprach. Ja, die Verwirrung war perfekt.

Minsk, 14. Oktober 2009

Wo ist nur der goldene Herbst geblieben? Seit Tagen regnet es und man muss sich inzwischen in der Stadt den Weg durch die Pfuetzen durchkaempfen. Na, zum Glueck gibt es hier sehr gute Cafes und wer einmal in Minsk sein sollte, muss unbedingt ins Cafe Salodki Falwarak gehen und dort ein Stueck Kuchen essen. Das Cafe befindet sich in der Naehe der Metrostation Frunsenskaja! Natuerlich ist aber auch die Auswahl der Museen hier sehr gross oder man geht ins Kino bei solchem Regenwetter. Leider habe ich feststellen muessen, dass die neuen russischen Kinofilme schrecklich sind. Aber es gibt auch Kinos, wo Filme aus aller Welt gezeigt werden (a la Bourbaki in Luzern).

Ja und im Moment findet das internationale Theaterfestival statt und sogar das Schauspielhaus Zuerich ist vertreten. Allgemein stosse ich immer wieder auf Schweizer Sachen. Sei es Schokolade, Sackmesser, Fondue (!) oder die BelSwissBank. Das Logo der Bank ist sehr interessant. Es besteht aus der Schweizer Flagge und oben sind Berge abgebildet! Scheinbar hat frueher einmal der Schweizer Konsul reklamiert. Aber die Schweiz ist hier in Minsk trotzdem wenig bekannt, wie es mir scheint. Denn sie verwechseln die Schweiz immer mit Schweden. Bereits der Zoellner fragte mich, ob ich aus Schweden komme, als er meinen Pass gesehen hatte. Ja, ihm war es eigentlich egal, woher ich komme, Hauptsache das Formular wurde ausgefuellt.

Minsk ist gross, sehr gross sogar, aber trotzdem klein, wie ich mittlerweile festgestellt habe. Denn kaum 6 Wochen hier in Minsk, trifft man zufaellig bekannte Leute auf der Strasse an. Gestern war eine Schwedin zu Besuch bei Ecoprojekt. Heute morgen habe ich sie in der U-Bahn getroffen. Vor einigen Wochen haben wir auf der Strasse einen deutschen Gymnasiallehrer getroffen. Er hat uns angesprochen, da er Deutsch gehoert hatte. Dann, zwei Wochen spaeter, treffe ich ihn wieder in der Stadt. Und so ist es nun schon einige Male passiert.

Dann passieren auch andere wundersame Dinge. Man sitzt in einem Cafe, liest, eine aeltere Dame setzt sich an den Tisch und offeriert einem nachher ein Stueckchen Kuchen.

Heute gehe ich erst am Nachmittag in die Geschichtswerkstatt. Evtl. findet heute ein Bastelkurs statt, aber Marina meinte, dass evtl. die Babuschkas bei diesem Wetter nicht kommen wuerden. Ich verstehe sie. Und ich muss mir unbedingt einen neuen Schirm kaufen. Denn meiner ist kaputt gegangen. Aber zum Glueck habe ich meine Regenjacke eingepackt. Das empfehle ich jedem, der einmal im Herbst nach Minsk kommen sollte!

Minsk, 18. Oktober 2009

Die Babuschkas sind am Mittwoch trotz "Hudelwetter" in den Bastelkurs gekommen. Es waren 6 gespraechige Babuschkas anwesend. Nach der Begruessung war die erste Frage (wie immer) woher ich komme, die zweite schliesslich (auch wie immer bei aelteren Damen), ob ich verheiratet sei. Danach erzaehlten sie von ihren Kindern, Ehemaennern etc. Sie erklaerten mir schliesslich auch, dass sie nicht unbedingt nur wegen dem Basteln hier seien, sondern um zusammen zu streiten, zu lachen und um Tee zu trinken. Nach verdienter Arbeit wurden dann Tee und Kuchen aufgetischt und... wir feierten alle zusammen den Muttertag, welcher die Belarussen am 14. Oktober feiern.

Inzwischen habe ich mir auch angewoehnt immer zu spaet zu kommen. Mindestens 10 Minuten. Aber am Donnerstag war ich dann immer noch zu frueh. Ich war schliesslich sehr erstaunt, dass mich Galina von Ecoprojekt angerufen hat, um mitzuteilen, dass sie ca. 40 Minuten spaeter kommen wuerde. Und sie wollen mich mit Arbeit schonen! Bei Ecoprojekt bin ich auch die erste Freiwillige, welche bei ihnen arbeitet. Sowohl die Mitarbeiterinnen bei Ecoprojekt, wie auch die Mitarbeiterinnen in der Geschichtswerkstatt kuemmern sich sehr gut um mich und um die anderen Freiwilligen.

Inzwischen ziehen sich die Belarussinnen und Belarussen sehr warm an, inklusive Kappe, Handschuhe etc., was mich sehr erstaunt. Ich haette nicht gedacht, dass die Menschen hier so schnell frieren. In Italien wuerde ich dies ja noch verstehen, wenn die Leute bei +5Grad im Pelzmantel herumlaufen wuerden. Ich friere noch nicht. Gestern musste ich Danuta auch erklaeren, dass ich mir erst bei Minustemperaturen eine Winterkappe anziehe. Ruth, eine Schweizerin, welche ich kuerzlich kennengelernt habe (sie wohnt hier in Minsk schon 10 Jahre) erzaehlte mir schliesslich auch, dass sie einmal von unbekannten Leuten auf der Strasse angesprochen worden ist und sie fragten, ob sie nicht friere. Heute hat Danuta Ruth eingeladen. Ebenfalls ein aelterer Moskauer Arzt und Danuta kochte uns Zipilini, ein litauisches Gericht und wir mussten ihre selbstgemachten Weine probieren. Nun, als dann Ruth nach Hause ging, fragte Danuta: "Frierst du so nicht, Ruth? Du hast ja nur so eine duenne Jacke an." Ruth erwiderte: "Nein, ich bin mich die Kaelte gewohnt, ich bin eine Bergbewohnerin." Sie kommt von Brienz (!?) Nun, ich werde wohl das naechste Mal auch sagen, dass ich nicht Schweizerin bin, sondern eine Bergbewohnerin.

Minsk, 23. Oktober 2009

Ich habe diese Woche sehr viel Spannendes erleben duerfen. Ganz kurz zusammengefasst:
Am Montag hatten wir wieder ein interessantes Gespraech mit einer Ostarbeiterin. Es ist sehr eindruecklich, was die Ostarbeiter ueber den Krieg und die Zeit in den Lagern in Deutschland erzaehlen. Jene Frau hat uns dann erzaehlt, dass sie nach dem Krieg zuerst in ein Lager in Polen, danach in ein Lager in der Ukraine gebracht worden sind. Aus dem Lager in der Ukraine ist sie dann mit ihrer Schwester gefluechtet und in Minsk wurden sie vor ein Gericht gestellt, denn Stalin betrachtete diese Menschen als Verraeter.
Am Montag bin ich in Minsk auch das erste Mal Marschrutka gefahren. Eine sehr interessante und schnelle (wenn es keinen Stau gibt) Art sich in der Stadt zu bewegen, aber nicht unbedingt mein liebstes Fortbewegungsmittel.

Am Dienstag wurde ich dann zu einem echt Schweizerischen Raclette eingeladen. Es wurde aber gluecklicherweise auf Russisch gesprochen.

Am Mittwoch habe ich dann mit einer anderen Freiwilligen ein Lebensmittelpacket ausgetragen. Es regnete in Stroemen und wir mussten 2 Mal 20 Minuten auf den Bus warten. Das mit den Bussen hier ist immer so eine Sache. Es gibt zwar viele Bus- und Trolleybusverbindungen, aber meistens fahren sie in eine andere Richtung. Die Babuschka, welcher wir die Lebensmittel bringen sollten, wohnt in einem kleinen Haeuschen in dieser riesigen Stadt Minsk. Dieses Quartier ist umgeben von riesigen Bauten, aber ich kam mir fast vor, wie in einem belarussischen Dorf. Das erste Mal haben wir aber das Haus verfehlt und haben die Lebensmittel dem Nachbarn gebracht. Aber alles nahm ein gutes Ende. Am Schluss hat dann doch die Babuschka die Produkte bekommen. Am Abend fand dann der deutsch-belarussische Abend fuer die Freiwilligen in der Geschichtswerkstatt statt. Zuerst stellten sich alle einander vor, dann wurden die Speisen aus den verschiedenen Laendern probiert und danach gab es belarussische Taenze.

Am Donnerstag habe ich dann meinen neuen 90jaehrigen Brieffreund kennengelernt! Es fand fuer die Ostarbeiter ein kulinarischer Nachmittag statt. Das heisst jeder nahm ein typisches belarussisches Gericht mit und stellte es den anderen Anwesenden vor. Ich habe dabei erfahren, dass vor allem der Kascha fuer die belarussische Kueche wichtig ist. Die Kartoffel ist zwar ein wichtiger Bestandteil der belarussischen Kueche, aber nicht echt belarussisch.

Und heute durfte ich an der Praesentation des Buches ueber die Zeitzeugenberichte in Auschwitz teilnehmen. Auch dies war sehr eindruecklich, da natuerlich auch diese Zeitzeugen anwesend gewesen sind.

Nun und morgen fahre ich dann nach Grodna. Ich freue mich schon sehr darauf. Mal sehen, was ich von dieser Reise berichten kann.

Minsk, 25. Oktober 2009

Gestern bin ich mit einer Marschrutka (Taxibus) nach Grodna (an der polnischen Grenze) gefahren und so habe ich auch etwas mehr von diesem schoenen Land gesehen. Ich war wieder sehr ueberrascht, wie ordentlich und gepflegt hier die Haeuser sind. Meistens sind es Holzhaeuser, aber nich so farbenfroh, wie ich dies in der Ukraine gesehen habe. Und auch der Strassenzustand ist hier sehr gut. Keine Loecher, wie in der Ukraine und das bedeutete, das die Marschrutka immer auf der rechten Strassenseite fahren konnte und nicht den Loechern ausweichen musste :-). Nach 4h Fahrt hatte ich dann das Ziel erreicht und wurde um 12.00h mit Trompentenmusik, welche wohl jeden Tag um diese Zeit vom Feuerwehrturm erklingt, in Grodna empfangen.
Die verhaeltnissmaessig engen Gassen haben mich beeindruckt. Denn mittlerweile habe ich mich an die breiten Strassen in Minsk gewoehnt. Das Zentrum von Grodna ist alt und wird von schoenen farbigen Haeusern gepraegt. Ab und zu sieht man war eine zerfallene katholische Kirche oder ein zerfallenes Haus, aber sie bemuehen sich sichtlich, die zerfallenen Haeuser zu renovieren. Man spuert hier auch den polnischen Einfluss sehr stark. Und 20km vor der Stadt habe ich dann auch ein katholisches Kreuz neben einem orthodoxen Kreuz stehen sehen, was wohl sehr gut die gemischte Bevoelkerung in diesem Gebiet hier charakterisiert.
Auch der Markt von Grodna ist sehenswert. Da das Stadtzentrum sehr klein ist und es nicht gerade warm gewesen ist, habe ich versucht, mein Rueckfahrtbillett umzutauschen und... ich war sehr erstaunt, dass dies ohne Probleme geklappt hat! Ich habe sogar noch Geld zurueckgekriegt! Die Verkaeuferin meinte, dass die Billette in Grodna billiger seien, als jene in Minsk.

Minsk, 31. Oktober 2009

Jetzt ist es mittlerweile sehr kalt geworden, aber die Sonne scheint. Und auch aussergewoehnlich fuer mich ist, dass es schon sehr frueh eindunkelt. Im Dezember soll es dann bereits um 16.00h dunkel sein.

In den Laeden hier in Minsk herrscht bereits Weihnachtsstimmung. Und die Weihnachtsartikel, welche in den Laeden verkauft werden, unterscheiden sich wenig, wenn ueberhaupt, von den europaeischen Sachen... Weihnachtsmaenner, Christbaumkugeln, Kerzen etc. etc. Uebrigens, die Osteuropaer sind ja bekannt dafuer, dass sie gerne feiern. Und die Belarussen haben nun das Glueck, dass sie sogar zwei Mal Weihnachten feiern koennen - am 25.12. und am 7.1. Dies darum, weil ein grosser Teil der Bevoelkerung katholisch ist.

Gestern haben wir in der Geschichtswerkstatt Abschied von einem Prakitkanten gefeiert. Es war eine sehr gemuetliche Runde. Alle brachten auch wieder einmal etwas mit und es wurde Champagner und Ameretto getrunken. Und ich muss gestehen, es wird hier (sichtlich auch auf der Strasse) sehr viel Vodka getrunken, aber ich habe bis jetzt noch keinen Vodka getrunken!

Letzte Woche habe ich nun auch mein Rueckfahrtbillett in die Schweiz gekauft und es gab bereits keine Zugtickets mehr fuer den 27.11. Das heisst, dass ich nun bereits am 26.11. Belarus verlassen werde. Schade, aber ich habe ja noch einen Monat vor mir... :-)

Minsk, 5. November 2009

Halloween ist auch in Belarus angekommen. Am Samstag Abend liefen einige Leute verkleidet durch die Stadt. Ich genoss aber den Abend lieber mit drei anderen Freiwilligen aus der Geschichtswerkstatt. Wir waren bei Marie zu Hause und sie hat einen wunderbaren Blick auf die Skyline von Minsk. Und vor allem sieht man von ihrer Wohnung aus die supermoderne Nationalbibliothek von Belarus. Ich habe dieses Gebaeude nur bei Tag gesehen. Aber es lohnt sich, es einmal in der Nach anzuschauen. Denn es wechselt immer wieder die Farbe und ab und zu sieht man die belarussische Flagge.

Am Sonntag habe ich mir dann einen gemuetlichen Tag gemacht. Und, wie immer, der Tag steckte wieder einmal voller Ueberraschungen. Ich wurde naemlich zum Eishockeyspiel Dynamo Minsk gegen Dynamo Riga eingeladen. Eigentlich bin ich ja nicht gerade ein Eishockey-Fan (oder ich wusste bis anhin noch nichts davon), aber es war interessant das Geschehen zu beobachten und ehrlich gesagt, hat mir sogar das Spiel gefallen. Die Belarussen lieben Eishockey und es war schon fast ein Fest. Und zum Glueck haben die Belarussen gewonnen, verdienterweise auch. Ich glaube sonst waeren einige Zuschauer sehr enttaeuscht nach Hause gegangen.

Am Dienstag habe ich bei Ecoprojekt gearbeitet. Das heisst, zuerst haben wir gemuetlich ueber eine Stunde lang zusammen den Geburtstag von Galina gefeiert. Am Abend fand dann das Treffen mit dem Schweizer Botschafter, welcher aus Polen angereist kam, statt. Es waren 7 Schweizer, welche in Belarussen wohnen anwesend und insgesamt wohnen ja nicht mehr als 11 Schweizer in Belarus. Es war ein interessanter Abend einmal die Schweiz, aber auch Belarus aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Leider hatten wir nach dem Treffen noch etwas Hunger und so beschlossen wir, Ruth und ich, nach diesem "gediegenen" Abend noch kurz bei Mc Donalds vorbeizuschauen.

Gestern Mittwoch war ich den ganzen Tag in der Geschichtswerkstatt. Ich habe jetzt sogar eine neue Aufgabe uebernommen und kann jetzt leichte Uebersetzungen von Erzaehlungen von Zwangsarbeitern machen. Ja, schriftlich ist das Russische viel leichter, als wenn man es sprechen muss... Am Nachmittag fand dann wieder der Bastelkurs mit den Babuschkas statt. Sie machen Blumen aus Perlen und ich habe die Aufgabe gekriegt ein Veilchen zu machen.

Und heute bin ich aufgewacht und was sehe ich das, als ich aus meinem Fenster geschaut habe: Es hat geschneit! Leider nur sehr wenig und ich habe gehoert, dass es am Wochenende bereits wieder 12 Grad sein wird.

MInsk, 12. November 2009

In der letzten Zeit herrscht hier sehr truebes Wetter, oft ist es regnerisch und nebelig. Am Samstag Abend war hier in Minsk der Zirkus aus Moskau auf Eis. Das war ein sehr farbiger Abend. Und zum Glueck waren wir nicht die einzigen Erwachsenen dort... :-) Aber so etwas sieht man in der Schweiz nicht. Ich habe gemerkt, dass die Belarussen Eiskunstlauf sehr gerne moegen. Und wie ich bereits geschrieben habe, ist Hockey der Lieblingssport der Belarussen. Und vor dem Sportpalast kann man bereits Schlittschuhlaufen. Im Winter soll es dann in der ganzen Stadt Eiskunstlaufbahnen geben. Schade, dass ich dies wohl nicht mehr sehen kann - jedenfalls dieses Jahr nicht :-).
Am Montag und am Dienstag habe ich mir frei genommen. Am Montag war ich in Marina Gorka - in einer Kleinstadt, etwas ausserhalb von Minsk. Dort war ich auch am Sonntag Abend eingeladen. Am Nachmittag habe ich dann mit einer Schweizerin einen Stadtrundgang durch Minsk gemacht und habe dabei eine kleine Entdeckung gemacht. Ich habe ein gemuetliches Cafe neben dem Praesidentenpalast entdeckt. Es ist ein Schmuckstueck. Es heisst The old granny und die Einrichtung ist voll englisch. Vor allem hat mich aber die Speisekarte beeindruckt mit den vielen alten Fotos, welche das belarussische Leben wiedergeben.

Am Dienstag durfte ich dann eine Art Spitex in Mogeljow besuchen gehen. Ich musste um 5.30h aufstehen und um 6.15h gings dann los. Wir fuhren ca. 3h mit dem Auto. Dann trafen wir uns mit den Pflegerinnen und sie haben uns von ihrer Arbeit erzaehlt. Danach durften wir sie noch bei einem Krankenbesuch begleiten. Vieles funktioniert aehnlich, wie in der Schweiz, aber vieles auch wieder ganz anders. Jedenfalls ist dies eine sehr gute Einrichtung. Die Heime hier hingegen haben einen sehr schlechten Ruf.

Nun, von Mogeljow habe ich leider nicht so viel gesehen, aber es sei auch nicht lohnenswert, sie zu besichtigen. In Mogeljow gibt es sehr viel Industrie und deshalb sei auch die Luftqualitaet sehr schlecht dort.

Minsk, 14. November 2009

Gestern habe ich mit Laura Lebensmittel verteilt. Und fuer 2 Packete waren wir bestimmt mehr als 2 Stunden mit dem Bus unterwegs. Marina von der Geschichtswerkstatt hat uns zwar erklaert, mit welchem Bus wir von der einen Babushka zur anderen gelangen. Im Bus waren wir dann doch unsicher und haben die Kontrolleurin gefragt. Jene meinte, dass wir falsch seien, sie sage uns dann, wo wir umsteigen muessen. Am Schluss hat sich dann ein Teil der Fahrgaeste noch in unsere Unterhaltung eingemischt, denn die Kontrolleurin wusste auch nicht 100% Bescheid. Jedenfalls hat sich am Schluss herausgestellt, dass wir im richtigen Bus sassen. Und danach fanden wir das Haus, wo die Babushka wohnte, sofort. Zu Fuss gelangten wir dann auf die 8 Etage (der Lift war kaputt), wo uns der Sohn der Babushka in Empfang genommen hat. Er bewirtete dann uns mit Tee, Keksen und Schokolade. Seine Mutter hat dann auch erzaehlt, wie ihre Mutter ihr Leben gerettet hat. Sie lebte mir ihrer Mutter im Minsker Ghetto. Die Deutschen haben sie aus den Haeusern getrieben und wollten die Juden ersschiessen. Die Mutter sagte ihr, dass sie davonrennen solle, denn sie sehe nicht wie eine Juedin aus. Dies hat sie getan und konnte so ihr Leben retten. Danach wurde sie aber als Ostarbeiterin nach Deutschland geschickt. Die Leute, welchen wir Lebensmittelpackete bringen, sind immer sehr herzlich und nett. Aber dieses Treffen war ein besonders angenehmes und interessantes. Ich glaube, wir sind dort bestimmt eine Stunde lang gewesen.

Naechste Woche werde ich dann von Montag bis Donnerstag fuer Ecoproject arbeiten. Lena muss ein Seminar leiten und daher gibt es viel Arbeit. Ich bin schon gespannt, was mich erwarten wird. Heute Abend gehe ich aber noch zu Alla und morgen bin ich zu einer Hochzeit eingeladen... (Obwohl, Braut und Braeutigam kenne ich gar nicht :-)).

Minsk, 19. November 2009

Nun geht auch schon diese Woche dem Ende entgegen. Am Dienstag habe ich Lena von Ecoproject auf eine Konferenz begleitet, welche im besten Hotel von Minsk oder sogar von ganz Belarus stattgefunden hat. Ja, dies war ein grosser Unterschied zu den Wohnungen der ehemaligen Ostarbeiter oder Gheottobewohnern, welchen ich manchmal Produkte bringe. Armut und Reichtum liegen hier auf engen Raum beeinander. Viele der belarussischen Teilnehmer selbst, waren von diesem Hotel tief beeindruckt. Fuer das Mittagessen wurden 55 Menues bestellt, es waren aber nur ca. 48 Teilnehmer. Deshalb wurden dann die restlichen Menus eingepackt und nachher den Mitarbeitern von Ecoproject verteilt. Die Deutschen, welche die Konferenz geleitet haben, waren erstaunt ueber dieses Vorgehen. Zwischen der oestlichen und der westlichen Lebensweise herrscht ein grosser Unterschied. Aber ich denke mir, das beide Seiten voneinander lernen koennen. Und ab und zu muss man sich in die andere Welt hineinversetzen, um sie zu verstehen. Aber grundsaetzlich hat fuer mich dieser Gegensatz diese 3 Monate hier sehr interessant gemacht. Ich habe auch gemerkt, dass sich die Mentalitaet der Belarussen von der Mentalitaet der Ukrainer unterscheiden. Und gestern hat mir jemand gesagt, dass die Mentalitaet der Russen nochmals ganz anders sei. Belarus sei eher von Europa gepraegt.

Gestern und heute war ich dann mit Lena auf einem Seminar. Es ging natuerlich um Umweltfragen, es war interessant (soweit ich den Inhalt verstanden habe :-)) aber auch sehr ermuedend, obwohl ich grundsaetzlich nichts zu tun hatte.

Und schon heisst es Abschied nehmen von Belaurs, obwohl ich noch knapp eine Woche hier sein werde. Heute Abend werde ich das letzte Mal auf die belarussische Tusowka gehen und morgen besuche ich dann mit Valeria zum letzten Mal ein Ballett.

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Dagmar
Labour Service in Minsk - Herbst 2009

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